fussball.de
powered by
Bundesliga bei t-online.deDFBnet

...

Die unglaubliche Geschichte des schlechtesten Bundesliga-Klubs aller Zeiten

29.03.2013, 11:31 Uhr | FUSSBALL.DE

Eine von 108 Szenen: Torhüter Heinz Rohloff muss nach einem Gegentreffer den Ball aus seinem Tor holen. (Quelle: imago/Werner Otto)

Eine von 108 Szenen: Torhüter Heinz Rohloff muss nach einem Gegentreffer den Ball aus seinem Tor holen. (Quelle: imago/Werner Otto)

Von Susann Herrmann

Von der Bundesliga sind sie weit entfernt, auch die 2. Liga ist ganz weit weg für viele Traditionsklubs, die den deutschen Fußball früher mitprägten. Inzwischen sind sie - im besten Fall - in der viertklassigen Regionalliga beheimatet. Manche auch in der Bezirksliga oder tiefer. FUSSBALL.DE wirft in der Serie "Tränen, Triumphe, Tradition" einen Blick auf Vereine, deren größte Erfolge lange zurückliegen, die aber immer noch viele Fans bewegen. Heute, Teil 6: SC Tasmania 1900 Berlin, inzwischen SV Tasmania Berlin e.V., Berlin-Liga.

Fragt man jemanden nach seiner spontanen Assoziation mit dem Begriff "Tasmania", fallen häufig Begriffe wie Negativrekord, Erfolgslosigkeit oder Verlegenheits-Aufsteiger. Die Berliner Katastrophen-Saison 1965/66 hat sich in das kollektive Gehirn der Bundesliga-Geschichte gebrannt. Das Team schoss die wenigsten Tore (15), holte die wenigsten Siege (2) und lockte die wenigsten Zuschauer (827) zu einem Spiel an. Die Kicker aus dem Berliner Bezirk Neukölln bekamen die meisten Gegentore (108), kassierten die meisten Niederlagen (28) und mussten die höchste Heimniederlage hinnehmen (0:9 gegen den Meidericher SV).

Foto-Show im Überblick
Foto-Show: Abgestürzte Traditionsklubs
4 von 20 Bildern

Ein Kranz für den 100. Gegentreffer

Die Vielzahl der Misserfolge macht es den Protagonisten schwer, sich an jedes Spiel detailliert zu erinnern. Allgegenwärtig wird aber allen Aktiven und Zuschauern die Begegnung vom 30. April 1966 sein. Nachdem der Aufsteiger im Spiel gegen Frankfurt den 100. Saisongegentreffer kassierte, legten die Fans einen Trauerkranz mit einer goldverzierten 100 hinter den Kasten von Torhüter Heinz Rohloff.

Dieser will die Zeit dennoch nicht missen. Der heute 73-Jährige sagte kürzlich gegenüber FUSSBALL.DE: "Die Vergangenheit holt mich immer wieder ein. Ich bekomme immer noch Fanpost. Das ist schön." Erinnerungen werden mit Abstand betrachtet eben meist besser als schlimmer.

Wie kam es zum Ausflug in das Oberhaus?

Aller Negativrekorde Anfang war der Zwangsabstieg von Hertha BSC im Jahre 1965. Der DFB wollte unbedingt einen West-Berliner Klub im Oberhaus haben. Die Hertha fiel weg. Der Berliner Staffelmeister Tennis Borussia scheiterte bereits in der Aufstiegsrunde. Und der zweitplatzierte Spandauer SV lehnte die DFB-Offerte ab. Einzig Tasmanias Funktionäre ließen sich von der Aussicht auf die Bundesliga-Millionen blenden und sagten zu.

Foto-Show
Das sind die traditionsreichsten Stadien Deutschlands
4 von 35 Bildern

Schnell wurde klar: Tasmanias Equipe war der Herausforderung Bundesliga nicht gewachsen. Auch wenn damalige Spieler wie Torwart Rohloff oder auch Kapitän Becker den Ausflug ins Oberhaus trotz der zahlreichen Pleiten als eine schöne Zeit beschreiben, war die Saison 65/66 der Anfang vom Untergang des SC Tasmania 1900 Berlin.

Lackierte Bälle und späte Rückreisen

Einen ganzen Kader erfahrener Bundesligaspieler konnte sich der Klub nicht leisten. Einen Star aber wollten die Berliner unbedingt haben: Horst Szymaniak. Überraschenderweise sagte der ehemalige Nationalspieler zu. Die Berliner kauften den Profi von seinem italienischen Klub FC Varesa offiziell für die maximal erlaubte Ablösesumme von 50.000 DM frei. Insgesamt gab der Verein 1965 knapp 400.000 DM an Handgeldern und Ablösesummen für die 20 Lizenzspieler aus.

Doch neben den Gehältern musste der Aufsteiger ungewohnt hohe Kosten für Trainingsbetrieb, Stadionbewirtung und die Reisen zu Auswärtsspielen stemmen. Die Trainingsstätte der Neuköllner hatte weder Flutlicht noch spielbaren Rasen. Nicht selten wurde auf Schotterplätzen gekickt. Um auch abendliche Übungseinheiten abhalten zu können, lackierten die Tasmanen ihre Bälle vollständig weiß. Not macht eben erfinderisch.

Auch die zu Beginn der Saison hohen Zuschauereinnahmen bei Heimspielen nahmen kontinuierlich ab. Der Tiefpunkt wurde im Januar 1966 erreicht - am Duell gegen Borussia Mönchengladbach waren lediglich 827 Menschen interessiert. Zunehmend geringer wurde außerdem das Reisebudget der Mannschaft. Der Ausflug zum letzten Auswärtsspiel nach Schalke ging am Abend direkt retour nach Berlin. Für eine Übernachtung im Hotel reichte das Geld nicht mehr.

Dreimal knapp am Wiederaufstieg vorbei

Retour ging es daher auch umgehend in die Regionalliga. Die Jahre nach dem unvermeidlichen Abstieg waren sportlich gesehen aber gar nicht schlecht. Das Neuköllner Team spielte in den folgenden sieben Jahren in der damals zweithöchsten Spielklasse oben mit und verpasste dreimal sogar nur knapp den Wiederaufstieg.

Die Saison 1972/73 sollte dann aber Tasmanias letzte sein. Der Blick in die Bücher versprach nichts Gutes: 800.000 DM Miese. Das bedeutete den Konkurs. "Der Verein hatte jahrelang stark an den wirtschaftlichen Verhältnissen zu knabbern. Letztlich verloren die Verantwortlichen den Kampf gegen die Schulden", bringt es Detlef Wilde, heutiger Vereinsvorsitzender der Tasmanen, auf den Punkt. Im Juni 1973 wurde der Verein aufgelöst.

Foto-Show im Überblick
Ex-Bundesligastars im Amateurfußball
4 von 19 Bildern

Neubeginn von ganz unten

Bereits im Februar 1973 wurde der Verein SV Tasmania 73 Neukölln gegründet. Dieser war rechtlich zwar unabhängig vom SC, wird inoffiziell aber als Nachfolgeverein angesehen. Der Großteil der Verantwortlichen und Spieler des alten Klubs schloss sich dem SV an. Trotzdem mussten sie von ganz unten anfangen.

Vierzig Jahre später spielt der SV Tasmania Berlin, wie der Klub seit 2011 offiziell heißt, in der Berlin-Liga. "Sportlich sind wir zufrieden mit unserer ersten Elf. Wir planen die Zukunft des Teams in der Berlin-Liga", beschreibt Vereinsboss Wilde die Perspektive.

Andere Pläne hat der Verein mit seinen Juniorenteams. "Unsere A-Jugend gehörte im Jahr 2003 zu den Gründungsmitgliedern der U19-Bundesliga und spielte dort bis 2007. An diese Erfolge wollen wir langfristig wieder anknüpfen", sagt Wilde.

Junge Fans? Fehlanzeige!

Heute verfolgen etwa 60 treue Anhänger die Spiele der Tasmania - auch auswärts. Das Problem dabei ist, dass die meisten Fans schon in der Bundesligasaison dabei waren. "Einerseits freuen wir uns über die Treue unserer Anhänger. Andererseits müssen wir uns aber auch eingestehen, dass es uns an jüngeren Sympathisanten mangelt."

Auf die Frage, ob es ihn nervt, wenn sein Verein immer auf das Bundesligateam von damals reduziert wird, lächelt Wilde nur: "Besser eine negative Vergangenheit als gar keine."

Quelle: FUSSBALL.DE

Leserbrief An die Redaktion
Inhalt versenden Versenden
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus.
Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Diese Mail an
mailing-ifrarr
Artikel versenden
Empfänger
Absender
Name
Name
E-Mail
E-Mail
Nachricht
 

"Amateurfußball: SC Tasmania 1900 Berlin - der schlechteste Klub der Bundesliga-Geschichte" verlinken

Verlinken Sie uns, wenn Ihnen der Artikel "Amateurfußball: SC Tasmania 1900 Berlin - der schlechteste Klub der Bundesliga-Geschichte" gefallen hat.

 
Anzeigen

Anzeige

Aktuelle Videos

Beeindruckendes Tor
Diesen Nachwuchskicker sollte man sich merken

Mit vier Kontakten foppt der 18-Jährige Este die Abwehr.

mehr
Top 5 aus Brasilien
Ex-Wolf d'Alessandro mit Traum-Freistoß

Der ehemalige Buli-Kicker trifft sehenswert.

mehr

Mobil

Fußball Liveticker App Herzrasen

Herzrasen: Deutschlands schnellste Liveticker App

mehr

Mobil

Jetzt die Android App für die neue Saison 13/14 updaten

Zum Saisonstart 13/14 wurde die App auf zahlreichen Positionen verbessert!

mehr
Anzeige



Anzeige