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Dieter Müller nach Herzinfarkt: "Ich hatte riesiges Glück"

08.01.2013, 13:09 Uhr | DFB, FUSSBALL.DE

Dieter Müller im Juli 2012 bei der Eröffnung des Sparda-Bank-Hessen-Stadions von Kickers Offenbach.  (Quelle: imago\Eibner)

Dieter Müller im Juli 2012 bei der Eröffnung des Sparda-Bank-Hessen-Stadions von Kickers Offenbach. (Quelle: Eibner/imago)

Von Sven Winterschladen

Herzinfarkt am 30. September 2012, fünf Tage Koma, danach das Erwachen, langsam die Rückkehr ins Leben - vor gut drei Monaten wurde Dieter Müller zum zweiten Mal geboren. "Die Zeit war noch nicht gekommen, dass ich sterben sollte", sagt der ehemalige Nationalspieler im FUSSBALL.DE-Interview. "Ich hatte riesiges Glück." Inzwischen kann der 58-Jährige wieder seine Fußballschule betreuen, er kann wieder joggen gehen, er kann wieder positiv nach vorne blicken. Und das ist gar nicht so selbstverständlich, schließlich musste Müller bereits einige Schicksalsschläge einstecken: "Das Brutalste war der Tod meines 16-jährigen Sohnes wegen eines Gehirntumors."

Aber der frühere Weltklassestürmer denkt auch gerne zurück - besonders natürlich an seine eigene Karriere bei Kickers Offenbach oder Girondins Bordeaux. Für den 1. FC Köln hat er in 248 Spielen 159 mal getroffen. Er war Deutscher Meister, gewann zweimal den DFB-Pokal und hält bis heute einen Rekord: Bei einem 7:2 gegen Werder Bremen gelangen ihm mal sechs Tore.

FUSSBALL.DE: Herr Müller, gut drei Monate nach Ihren Herzinfarkt die wahrscheinlich wichtigste Frage zuerst: Wie geht es Ihnen?
Dieter Müller: Gut, den Umständen entsprechend sogar sehr gut. Ich kann wieder Sport machen. Joggen, etwas Fußball spielen. Die Ärzte raten mir sogar dazu, das zu tun. Ich habe zwölf Kilogramm abgenommen. Das versuche ich jetzt zu halten. Von der Psyche her ist es manchmal noch etwas schwierig. Im Prinzip war ich ja fast tot. Diese Vorstellung ist nicht ganz einfach, das muss ich erst mal alles verarbeiten. Aber ich arbeite mit einer Psychologin zusammen, es wird immer besser. Es ist schon ein Wunder, dass ich hier und heute mit Ihnen sprechen kann. 31 Minuten hat mein Herz nicht geschlagen.

Müssen Sie also auch erst wieder Vertrauen in Ihren Körper gewinnen?
Ja, genau so ist es. Wenn meine Frau an jenem Sonntagabend im September nicht so toll reagiert hätte, würde es mich nicht mehr geben. Jetzt höre ich natürlich noch viel mehr in mich hinein.

Haben Sie sozusagen ein zweites Leben geschenkt bekommen?
Wahrscheinlich ist es so, ja. Ich hatte schon immer ein sehr intensives und außergewöhnliches Leben - mit allen Höhen und Tiefen. Ich war früh Nationalspieler, große Karriere in Köln. Aber wirklich schrecklich war der Tod meines 16-jährigen Sohns wegen eines Gehirntumors. Das war 1997. Es war ein langer und brutal harter Prozess. Da habe ich in die Abgründe der menschlichen Seele hinabgeschaut. Mein Herzinfarkt war anders. Das ging alles unglaublich schnell, ich habe kaum etwas mitbekommen. Ich lag ja fünf Tage im Koma.

Welche Erinnerungen haben Sie an jenen 30. September des vergangenen Jahres?
Ich kann mich an fast nichts mehr erinnern. Vieles hat mir nachher meine Frau erzählt. Wir hatten gerade ein paar Tage Urlaub gemacht und waren wieder zu Hause. Ich habe mich einfach nicht wohl gefühlt. Und danach ist alles weg. Meine Frau hat direkt den Notarzt angerufen. Alle gemeinsam haben grandios reagiert und mir das Leben gerettet. Innerhalb von zehn Minuten waren die Rettungskräfte da. Ich hatte 1000 Schutzengel. Die Zeit war noch nicht gekommen, dass ich sterben sollte. Ich hatte ein großartiges Leben bislang und bin froh, dass es noch etwas weitergeht. Ich bin ein sehr dankbarer und optimistischer Mensch.

Wann sind Ihre Erinnerungen zurückgekommen?
Als ich aus dem Koma aufgewacht bin. Da hatte ich fürchterliche Halluzination. Ich habe Feen und Gnome gesehen. Eindrücke vom Kölner Karneval, aus Offenbach und Frankreich waren dabei. Es hat sich alles vermischt. Das war extrem, das waren teilweise schlimme und komische Sachen. Das hat mir Angst gemacht.

Haben sich andere Dinge in Ihrem Leben dadurch etwas relativiert?
Ja, natürlich. Früher war der Fußball ein entscheidender Teil in meinem Leben, und heute ist er mir auch nicht unwichtig. Ich habe vieles immer extrem kritisch gesehen. Jetzt bin ich vielleicht insgesamt etwas entspannter. Aber der Fußball begleitet mich seit meiner Kindheit. Ich habe das Glück, dort unglaublich viele Freunde gefunden zu haben. Durch meine Fußballschule habe ich viele tolle Erlebnisse mit Kindern, die mich verehren. Das tut gut. Der Nachwuchs ist mir einfach extrem wichtig. Auch deshalb unterstütze ich sehr intensiv Jugendliche aus ärmlichen Verhältnissen. Ich freue mich unheimlich, wenn man dort Gutes tun kann. Ich liebe Fußball, ich habe dieser Sportart unheimlich viel zu verdanken.

An welcher Ihrer Stationen denken Sie besonders gerne zurück?
Bordeaux und Offenbach waren toll. Aber Köln war riesig. Ich durfte dort mit genialen Spielern auf dem Platz stehen, Wolfgang Overath oder Heinz Flohe zum Beispiel, der ja inzwischen leider seit zwei Jahren im Koma liegt. Das belastet mich sehr, Heinz Flohe ist ein ganz toller Mensch. Beim FC war meine schönste Zeit. Wir sind Deutscher Meister und DFB-Pokalsieger geworden, standen im Halbfinale des damaligen Landesmeister-Wettbewerbs. Das war fantastisch. Ich habe noch immer einen sehr engen Kontakt zu diesem Verein. Dort wurde ich zum Stürmer des Jahrhunderts gewählt. Ich habe in 248 Spielen 159 Tore gemacht. Das ist ja fast unglaublich.

Bei einem 7:2 gegen Werder Bremen haben sie sechsmal getroffen…
Und ich hätte auch acht, neun oder zehn Tore erzielen können. Das war natürlich eine Ausnahme und wird sehr lange nicht mehr passieren. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass ich auch heute noch eine sehr gute Quote hätte. Vielleicht wären es nicht mehr 40 Treffer, aber 30 oder 25. Meine Tore würde ich noch immer machen, da bin ich sicher. Aber das trifft auch auf andere außergewöhnliche Stürmer wie Gerd Müller zu.

Auch bei Kickers Offenbach sind Sie eine Legende. Wie sehen Sie die Entwicklung dort?
Der Einzug ins Viertelfinale des DFB-Pokals ist ein toller Erfolg. Ich werde mir das Spiel gegen den VfL Wolfsburg auf jeden Fall anschauen. Ich war ja zwölf Jahre dort Präsident, zuletzt war ich etwas müde. Deshalb habe ich mich zurückgezogen, es war ein Verschleiß da. Ich wollte etwas Abstand gewinnen. Aber ich bereue nichts aus dieser Zeit. Ich hoffe und wünsche mir, dass die Verantwortlichen jetzt die richtigen Entscheidungen treffen. Es ist schwer, aus der 3. Liga herauszukommen. Aber meiner Meinung nach gehört ein Verein wie Kickers Offenbach in die 2. Bundesliga, das muss der nächste Schritt sein.

Quelle: DFB, FUSSBALL.DE

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