13.11.2011, 21:22 Uhr
Das Interview führte Patrick Brandenburg
Hamburg, Mitte November. André Schürrle strahlt. Er hat allen Grund dazu, denn innerhalb nur eines Jahres hat sich der Offensiv-Allrounder in der deutschen Nationalmannschaft etabliert. Im DFB-Team, das vorm letzten Länderspiel des Jahres gegen Holland in einem Nobelhotel der Hansestadt logiert, fühlt sich der Neu-Leverkusener offensichtlich pudelwohl. Das zeigt sich schon, als Kollege Marco Reus kurz ins Gespräch schneit, Daumen und Finger zum Maul formt und die fiktive Handpuppe sagen lässt: "Das ist alles Bla-Bla." Darüber kann sich Schürrle natürlich herrlich amüsieren, Scherze auf Kosten des Anderen gehören dazu unter befreundeten Shooting Stars. Denn zu sagen hat der gerade erst 21 Jahre alt gewordene Offensivspieler ohnehin einiges:
Im FUSSBALL.DE-Interview spricht Schürrle über erstaunte DFB-Gesichter bei der Mannschaftssitzung in Kiew, die Erleichterung über seinen ersten Ligatreffer für Leverkusen und die "geilste Erfahrung" im Fußball.
FUSSBALL.DE: Bundestrainer Joachim Löw hat den Test mit der Dreierkette in der Ukraine vehement verteidigt. Wie denken die Spieler über den plötzlichen Systemwechsel?
André Schürrle: Natürlich war das eine Umstellung, aber insgesamt ein gelungener Test. Die zweite Halbzeit in Kiew haben wir klar dominiert und dabei viele Torchancen herausgespielt.
Wie hat das Team reagiert, als der Bundestrainer am Spieltag mit der Idee rauskam?
(lacht) Man hat‘s an den Gesichtern gesehen: Wir alle waren schon sehr überrascht. In der Bundesliga wird das ja so nicht gespielt.
Haben Sie auf Ihrer ersten Bundesliga-Station in Mainz ähnliche Erfahrungen gemacht? 05-Coach Thomas Tuchel gilt als mindestens ebenso experimentierfreudig wie der Bundestrainer.
In Mainz haben wir wirklich viele Formationen ausprobiert, aber an eine Dreierkette kann ich mich selbst aus den Zeiten am Bruchweg nicht erinnern.
Wo wir bei taktischen Varianten sind: Ist es denkbar, dass Deutschland komplett ohne nominellen Stürmer spielt, dafür mit einem noch kompakteren Mittelfeld?
Sicher, Barcelona macht es vor. Die spielen mit Messi in der Zentrale und oft ohne echten Angreifer. Das kann auch bei uns funktionieren. Aber wir haben so gute Jungs vorne in der Spitze, da können wir uns zunächst getrost auf die klassischen Systeme konzentrieren.
Erst vor einem Jahr haben Sie ihr Länderspiel-Debüt in Schweden gefeiert. Was hat sich seitdem verändert?
Enorm viel. Ich bin sehr glücklich mit meiner Entwicklung: mit dem Wechsel nach Leverkusen und dem Aufstieg in der Nationalmannschaft. Es ist ein wirklich schönes Jahr für mich.
Die WM 2010 haben Sie noch als Fan beim Public Viewing erlebt. Nun sind Sie selbst Teil des DFB-Teams. Wie verarbeiten Sie diese rasante Entwicklung?
Ich erinnere mich noch gut daran, wie es vor einem Jahr war. Dass ich seitdem einen großen Sprung gemacht habe, macht mich schon stolz. Ich weiß es zu schätzen, denn normal ist das alles nicht. Aber ich bin ja hier nicht der Einzige, der diesen Weg geht. Außerdem will ich im Hier und Jetzt alles geben und denke viel mehr an die Zukunft als an die Vergangenheit.
In der Saison 2011/2012 haben Sie bislang sämtliche sechs Länderspiele mitgemacht, wenn auch nicht alle von Beginn an. Fühlen Sie sich als Stammspieler?
Diesen Ausdruck hat der Bundestrainer ja offiziell abgeschafft. Ich bin immer dabei gewesen, habe gute Spiele und meine Tore gemacht. Ich fühle mich als vollwertiges Mitglied.
Gibt der Bundestrainer denn wirklich allen das Gefühl, dass der Begriff Stammspieler Geschichte ist?
Absolut. Das war beim Ukraine-Spiel zu sehen. Alle haben ihre Einsätze, jeder bekommt vermittelt, dass er für die Mannschaft wichtig ist. Jeder Spieler im Kader ist reif für die Startelf. Das ist auch ein Grund, warum wir mit dem Anspruch in die EM 2012 gehen müssen, das Turnier zu gewinnen.
Gegen die Ukraine haben Sie ausnahmsweise rechts gespielt. Wo fühlen Sie sich denn am wohlsten?
Ich bin flexibel. Die linke Seite liegt mir besonders, weil ich dann nach innen ziehen kann, um den Abschluss zu suchen. Aber ich spiele auch zentral oder auf rechts, kein Problem.
Trauen Sie sich sogar zu, als Sturmspitze aufzulaufen?
Na klar. Zur Not würde ich auch im Angriff einspringen.
Vergangene Saison galten Sie als Frontmann der Mainzer Boygroup, die viel Freude in der Liga verbreitet hat. Inwieweit haben Sie sich von dem Image emanzipiert.
Ich will mich davon nicht distanzieren. Das war eine tolle Zeit, wir hatten großen Spaß und ich will es nicht missen. Aber natürlich möchte ich mich weiterentwickeln. Deshalb muss das irgendwann auch mal Vergangenheit sein. Das hindert mich hoffentlich nicht daran, weiter ein lustiger Typ zu bleiben. Ich bin doch erst 21...
...inzwischen aber schon ein wenig ernsthafter.
Da haben Sie recht. In Mainz gab es halt so eine Phase, als alles hochgejubelt wurde und sich plötzlich alle dafür interessierten, was geschrieben wurde und welche Bilder irgendwo im Internet auftauchten. Da haben wir uns nicht mehr komplett auf den Fußball konzentriert, das war ein Fehler. Zum Glück hat Thomas Tuchel da früh gegengesteuert.
Die Nationalmannschaft wird auch immer mehr zur Boygroup. Gegen die Ukraine lag der Altersschnitt der Startelf unter 23 Jahren, die Laufleistung bei einigen Spielern beträgt mittlerweile über 12 Kilometer pro Partie. Kann die ältere Generation bei diesem jugendlichen Powerfußball überhaupt noch mithalten?
Nur mit 21-Jährigen ist international nichts zu gewinnen. Erfahrung ist immer noch wichtig.
Mit dem Wechsel nach Leverkusen haben Sie es sich selbst ermöglicht, Erfahrungen auf allerhöchstem und internationalem Niveau zu sammeln. Wie wichtig ist das?
Sehr. Gegen ausländische Teams zu spielen, ist noch mal eine ganz andere Sache und ich bin froh, dass ich diese Erfahrungen jetzt schon sammeln darf. Für mich ist Champions League das Geilste, was es gibt.
Warum läuft es noch nicht so rund bei Bayer? Ihr Team ist als Vizemeister zurzeit mit zehn Punkten Rückstand auf die Spitze nur Achter in der Bundesliga.
(lacht) Wir überlegen auch jede Woche. Aber im Ernst: Leverkusen spielt noch nicht wieder den Fußball, den die Fans gewohnt sind. Wir müssen jetzt zusehen, dass wir oben dran bleiben, mit jedem Erfolg kommt auch die Leichtigkeit zurück und damit der Spaßfußball, für den Bayer steht.
Für Ihren ersten Leverkusener Ligatreffer haben Sie einigen Anlauf gebraucht....
...und die Erleichterung war natürlich groß, dass er mir am 9. Spieltag gelungen ist, beim 2:2 in Gladbach. Aber ich war jetzt nicht unbedingt darauf fixiert, weil ich wusste, irgendwann werde ich schon noch meine Tore schießen. Außerdem sollte es nicht so ungewöhnlich sein für einen damals 20-Jährigen, wenn es einen gewissen Anlauf benötigt.
Trotzdem ist der Druck plötzlich ein anderer für jemanden, der einen Klub wie Leverkusen zehn Millionen Euro gekostet hat.
Selbstverständlich. Die Erwartungen wachsen. Aber ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, wie viel Ablöse für mich überwiesen wurde. Ich versuche nur, meinen Fußball zu spielen. Immer frech nach vorne.
Spielwitz und Spielfreude sind Ihr großes Plus. Was gibt‘s noch zu verbessern?
Einiges. Das Kopfballspiel, das Zweikampfverhalten. Auch bei der Schnelligkeit möchte ich noch ein bisschen was rausholen.
Am Dienstag steht das Prestigeduell gegen Holland auf dem Programm. Welchen Stellenwert hat solch ein Spiel für Sie persönlich?
Einen sehr großen. Gegen ein Topteam wie Holland zu spielen, ist immer etwas Besonderes.
Hoffen Sie auf einen Einsatz? Sie müssen ja schon am Freitag wieder in der Bundesliga in Kaiserslautern ran.
Auf jeden Fall. Ich will immer spielen.
Welche Assoziationen weckt dieser Klassiker in Ihnen? Bei den großen Duellen mit Holland - dem Halbfinal-Aus bei der EM 1988, Frank Rijkaards Spuckattacke bei der WM 1990 - waren Sie noch nicht geboren.
Stimmt, aber ich kenn die Geschichten natürlich aus dem Fernsehen oder aus Erzählungen. Ich kann schon einschätzen, welchen Stellenwert ein solches Spiel in beiden Ländern hat.
Quelle: FUSSBALL.DE
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