16.08.2010, 20:38 Uhr | fussball.de
von Ingo Peters
Der älteste hessische Fußballklub und acht älteste Fußballverein Deutschlands wieder zurück ins Rampenlicht. (Foto: fussball.de)Sagenhafte 30 Jahre lang befand sich der 1. Hanauer FC 1893 in einem Dornröschenschlaf. In der Zeit, in der sich der Fußball rasant vom Amateursport zum millionenschweren Profi-Business entwickelte, war einer der traditionsreichsten Klubs Deutschlands, der sogar international hohes Ansehen genoss, von der Bildfläche verschwunden. Nach seiner letzten Zweitliga-Saison 1978/79 wurde der FC Hanau 93 bis in die tiefsten Niederungen der Kreisliga durchgereicht und stand mehrmals vor seiner Auflösung. Vor wenigen Monaten gelang dem Klub in Stile von Real Madrid auf einen Schlag die nahezu komplette Entschuldung.
Jetzt drängt der älteste hessische Fußballklub und acht älteste Fußballverein Deutschlands wieder zurück ins Rampenlicht. Nach einem eindrucksvollen Aufstieg in die Gruppenliga Frankfurt Ost, der ihnen zwischenzeitlich den Titel als bester Herbstmeister Deutschlands einbrachte, treffen die 93er am Samstag (17 Uhr, Sportplatz an der Kastanienallee 75) auf den Tabellenführer FSV Bischofsheim. Grund genug für FUSSBALL.DE den Traditionsklub auf seinem Weg zurück nach oben mit dem Amateurspiel des Monats August genauer unter die Lupe zu nehmen.
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Der Abstieg aus Deutschlands zweithöchster Spielklasse 1979 und ein daraus resultierender hoher Schuldenberg forcierten in den 80er und 90er Jahren die Talfahrt des FC Hanau 93. Im Januar 2010 erfolgte dann der nicht mehr für möglich geglaubte Befreiungsschlag. Die Stadt erwarb das vereinseigene Sportgelände, auf dem der Klub mittlerweile ein nagelneues Klubheim errichtet hatte, zurück. Wie einst Real Madrid, dass Anfang des neuen Jahrtausends sein Vereinsgelände an die Stadt zurückverkaufte und plötzlich schuldenfrei war, erging es auch dem FC Hanau 93. "Das war auch ein klares Bekenntnis der Stadt Hanau zu ihrem Verein", erinnert sich der damalige 1. Vorsitzende des Klubs Thomas Tamberg.
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Mittlerweile ist Tamberg nach viereinhalbjähriger Amtszeit ins zweite Glied zurückgekehrt und kümmert sich ums Marketing. "Wir haben damals als Achtligist einen Aufsichtsrat eingeführt und wurden teilweise belächelt. Doch das hat sich bewährt. Der FC Hanau 93 hat mittlerweile eine klare Führungshierarchie, ist weitestgehend schuldenfrei und in die Gruppenliga aufgestiegen", so der 41-Jährige. "Wir haben mehrere Kooperationen mit Hanauer Schulen und ein vielbeachtetes Integrationsprojekt mit einem türkischen Klub auf den Weg gebracht. Doch mehr können wir aus eigener Kraft vorerst nicht erreichen", sieht Tamberg das Ende der Fahnenstange vorerst erreicht. "Aber wenn jetzt ein Sponsor erkennt, welch gewaltiges Potenzial dieser mittlerweile kerngesunde Klub hat, dann kann mit verhältnismäßig wenig Geld eine gewaltige Erfolgsstory lostreten."
Denn richtig erfolgreich waren die 93er früher tatsächlich einmal. Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte das Gründungsmitglied des deutschen Fußballbundes zur absoluten Spitze. Teams wie Kickers Offenbach oder Eintracht Frankfurt zählten für den FC Hanau 93 damals zur Rubrik Kanonenfutter. 23:1 wurden die Kickers einstmals abgefertigt. Nach dem 2. Weltkrieg wurde 1955 der Tabellenführer der 2. Liga Süd, ein gewisser Klub namens FC Bayern München, mit 4:1 abgefertigt. In München spielte man 1:1. Damit ist der FC Hanau 93 übrigens eines der wenigen Teams in Deutschland die gegen den Rekordmeister eine positive Pflichtspielbilanz vorweisen können.
Besonders stolz ist man beim FC Hanau 93 aber auf seine fünf Frankreich-Gastspiele nach dem ersten Weltkrieg. So reiste Hessens ältester Fußballklub Anfang der 30er Jahre auf Einladung des französischen Ministerpräsidenten Édouard Herriot als Vertreter Deutschland zu diversen Freundschaftsspielen rund um den Jahrestag des Waffenstillstands nach dem 1. Weltkrieg. Vor vielen tausend Zuschauern spielte man gegen Mannschaften wie den FC Metz, OGC Nizza oder Montpellier. "Die beste deutsche Mannschaft, die je in Metz gastierte", titelten anschließend die großen französischen Tageszeitungen über das tadellose Auftreten des FC Hanau 93. Die Frankreich-Gastspiele brachten den 93ern und dem DFB in der bereits nationalsozialistisch geprägten Heimat übrigens viel Kritik ein. Doch der Klub blieb sich auch später unter dem Nazi-Regime treu und verbat sich jegliche politische Einmischung.
Jetzt will man in Hanau also wieder an die glorreiche Vergangenheit anknüpfen. Um einen Hauptsponsor zu finden, hat der FC Hanau 93 zum Spitzenspiel gegen den FSV Bischofsheim sämtliche größere Firmen der 90.000 Einwohner zählenden Stadt im Herzen des Rhein-Main-Gebietes mit Freikarten versorgt. „Wir sind gespannt wie viele Zuschauer den Weg zu uns finden werden. Wir hoffen auf 500 plus X“, sagt Tamberg. Bereits in der Vorsaison hatte der FC Hanau 93 eine Klasse tiefer einen Zuschauerschnitt weit über 200 und wäre damit in der Oberliga Hessen unter den Top Ten gelandet. Besonders bemerkenswert: Die 93er haben immer noch eine sehr aktive Fanszene. Viele von ihnen haben als kleine Kinder noch Zweitliga-Luft geschnuppert und sind dann beim Klub hängen geblieben. Kaum ein anderer Klub Deutschlands dürfte so leidgeprüfte und treue Anhänger haben wie der FC Hanau 93.
Doch es lohnt sich. Denn der HFC ist kein Klub wie jeder andere. 1894 stand man im Finale um die erste Deutsche Meisterschaft gegen Viktoria Berlin. Doch der Titel ging kampflos an die Hauptstädter, weil der FC Hanau 93 damals schon klamm war und die Reisekosten nach Berlin nicht zahlen konnte. 113 Jahre später holte man dieses Duell nach. DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger übernahm sogar die Schirmherrschaft. Fast 5000 Zuschauer kamen im Sommer 2007 nach Hanau, um ihrem Verein die Daumen zu drücken. "Das zeigt, welch großen Rückhalt dieser Klub in der Stadt immer noch hat", sagt Tamberg.
Das ZDF widmete diesem Ereignis sogar einen Dokumentarfilm und berichtete in den Abendnachrichten darüber. Der Radiosender FFH übertrug das Rückspiel teilweise live. Doch all das nützte leider nichts. Der FC Hanau 93 verlor zu Hause 0:3. Eine Woche später trennte man sich in Berlin 1:1. Aber die kurze Rückkehr auf die große Fußballbühne hat das Umfeld des FC Hanau 93 elektrisiert, erinnerte es doch an alte glanzvolle Zeiten. Daran will man nun wieder anknüpfen, schließlich war man bis 1980 neben Eintracht Frankfurt und Kickers Offenbach die dritte Kraft im Rhein-Main-Gebiet.
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Quelle: FUSSBALL.DE
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