03.01.2012, 08:12 Uhr
Heiko Herrlich findet mahnende Worte für seinen Verein. (Quelle: imago)
Das Interview führte Marc L. Merten
Heiko Herrlich blickt auf eine erfolgreiche Karriere als Spieler zurück und war bereits fünf Jahre nach seinem Karriereende Trainer eines Bundesligisten. Doch nach seiner Entlassung beim VfL Bochum ging Herrlich in sich und entschied, seine Trainerlaufbahn neu zu beginnen. Bei der SpVgg Unterhaching schwingt er seit dieser Saison das Zepter und überrascht mit einem erfrischend aufspielenden jungen Team. Im Interview mit FUSSBALL.DE redet der Coach Klartext und sagt, wie weit Unterhaching wirklich ist. Denn: "Der Verein war am Nullpunkt."
Herr Herrlich, warum sind Sie im Sommer eigentlich Trainer der Profis in Unterhaching geworden?
Heiko Herrlich: Der Verein hatte große finanzielle Probleme, musste die meisten Spieler verkaufen und konnte nicht mehr mit Klaus Augentaler weitermachen. Da wurde der Wunsch an mich herangetragen, die Profis zu übernehmen.
Sie waren zuvor als Jugendtrainer bei der SpVgg im Gespräch. Wie kam es dazu?
Ich bin nach meiner Entlassung in Bochum (29. April 2010, Anm. d. Red.) nach München gekommen. Manfred Schwabl, der hier den Nachwuchs koordiniert, kenne ich schon sehr lange. Da hat er mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, mit ihm in der Jugend zu arbeiten. Das hat mich sehr gereizt.
Aber das bedeutete für Sie einen großen Rückschritt. Immerhin waren Sie ein Jahr zuvor noch Bundesliga-Trainer. Und dann Jugendtrainer eines Drittligisten?
Ja, aber Moment: Überlegen Sie mal, ich habe als Jugendtrainer in Dortmund angefangen, bin dann zum DFB gegangen und habe die U19 übernommen. Als mir klar wurde, dass mein Weg dort nicht weitergehen würde, bekam ich die Möglichkeit, 2009 nach Bochum zu wechseln. Die Chance habe ich natürlich wahrgenommen. Aber innerhalb von fünf Jahren nach meinem Karriereende als Profi zum Bundesliga-Trainer? Das ging alles sehr schnell.
Also einen Schritt zurück, um zwei nach vorne zu machen?
Genau. Als Spieler hast du, wenn du die 30 überschreitest, ein Verfallsdatum auf der Stirn. Als Trainer habe ich aber noch 30 Jahre Zeit. Warum also nicht in Unterhaching ein, zwei, sogar drei Schritte zurückgehen, um in der Jugend neue und gute Jungs für die erste Mannschaft hochzubringen und hier etwas aufzubauen?
Hätte Sie die erste oder zweite Bundesliga denn nicht auch gereizt?
In der Bundesliga bist du doch mittlerweile immer weniger Trainer auf dem Platz. Du bist mehr mit Sponsoren beschäftigt, mit Medien, mit dem ganzen Drumherum, als dass Du mit den Spielern auf dem Platz arbeitest. Es ist unglaublich wichtig, dass du das Umfeld gut bedienst. Aber die eigentliche Trainingsarbeit machen deine Assistenten. Als Jugendtrainer geht es noch zu 100 Prozent darum, was du deinen Spielern vermittelst, und nicht, was du dem Umfeld erzählst.
Jetzt sind Sie doch Trainer der Profis, aber wegen der finanziellen Probleme des Vereins mit einem sehr jungen Kader. Was ist Ihr Ziel mit dieser Nachwuchstruppe?
Ich messe meine Spieler an zwei Dingen: Ich will eine Mannschaft sehen, in der jeder Spieler ein Teamplayer ist. Und ich verlange von jedem meiner Spieler absolute Siegermentalität, ob im Trainingspiel, im Testspiel oder in der Liga. Am Ende ist es diese mentale Stärke, die ich mir wünsche, auf die sich der FC Bayern verpasst hat ein Patent geben zu lassen.
Haben Sie das Patent schon erfolgreich abgekupfert?
Unser Ziel war und ist es, nicht abzusteigen. Jetzt stehen wir im Mittelfeld der Tabelle. Und das mit einer jungen Truppe, die vor der Saison weitgehend noch keine Drittliga-Erfahrung hatte. Nehmen Sie als Beispiel Jonas Hummels (Bruder von Nationalspieler Mats, Anm. d. Red.). Den haben wir als 20-Jährigen zum Kapitän gemacht, obwohl er vor der Saison noch kein Spiel in der Liga gemacht hatte. Trotzdem sind wir stark in die Saison gestartet, haben für Überraschungen gesorgt – wie zum Beispiel im Pokal gegen Freiburg.
Sie hätten sogar Tabellenführer werden können.
Ja, mit einem Sieg über Bremen II hätte das geklappt. Aber da waren wir verkrampft und haben uns auskontern lassen. Das Spiel hat einen Bruch ergeben, eine Delle. Das war ein Rückschlag. In dieser Phase haben wir sehr viel Lehrgeld gezahlt. Jetzt haben wir uns aber wieder gefangen und lassen uns von Rückschlägen nicht mehr so aus der Fassung bringen. Trotzdem merkt man noch in vielen Situationen, dass der Mannschaft die Erfahrung fehlt. Und das muss nun der nächste Schritt sein, den wir gemeinsam gehen wollen.
Das funktioniert aber nur über jedes einzelne Spiel.
Und, indem wir jedes Spiel – egal, ob positiv oder negativ – mit der Lupe auseinander nehmen, damit die Spieler im Guten wie im Schlechten wissen, was auf dem Platz warum passiert ist.
Sind Ihre Spieler denn immer so lernwillig, wie Sie es sich wünschen?
Christoph Daum hat mal den Begriff "Komfortzone" geprägt. Immer, wenn Spieler viel Lob bekommen, glauben sie, mit einem gewissen Bonus in ein Spiel gehen zu können. Aber das ist ein Trugschluss. Wir müssen die Spieler immer wieder aus dieser Komfortzone rausholen. Fußball ist für mich in erster Linie noch immer ein Kampfspiel. Wenn du der Meinung bist, alles spielerisch lösen zu wollen, wirst du keine Kriege gewinnen.
Spielen Sie denn noch immer gegen den Abstieg?
Ich weiß, wie Fußball laufen kann. Ich bin einmal als Spieler mit Borussia Dortmund fast abgestiegen. Michael Skibbe war damals unser Trainer. Unser Saisonziel war es eigentlich, um die Meisterschaft mitzuspielen. Wir hatten uns vor der Saison mit fast 50 Millionen Euro verstärkt. Doch am Ende der Saison musste uns Udo Lattek retten. Und in dieser Zeit habe ich gemerkt, was es heißt, in einen Negativstrudel zu geraten. Wenn gestandene Nationalspieler, die Welt- und Europameister geworden sind, nichts mehr zustande bringen. Daher weiß ich ganz genau, wie gefährlich unsere Situation ist. Aber genauso bin ich davon überzeugt, dass es umgekehrt ebenso noch nach oben gehen kann.
Wem aus Ihrem Kader trauen Sie denn über kurz oder lang den Sprung in die Bundesliga zu?
Genau diese Frage ist das Problem bei uns. Die Spieler merken, dass es läuft. Da gibt es im Hintergrund Berater und Scouts. Darauf hast du keinen Einfluss. Ich habe vorhin gesagt: Die zwei wichtigsten Dinge sind für mich die Mannschaft und Siegermentalität. Die Spieler müssen sich als Diener der Mannschaft verstehen. Sonst sind sie kein Teamplayer mehr. Wenn du als Spieler anfängst zu überlegen: "Hm, mein Berater hat mir erzählt, ich könnte bei dem oder dem Verein spielen", beginnst du zu glauben, du seiest besser und für etwas Höheres bestimmt. Und schon ist das Schicksal deines Vereines nicht mehr so wichtig und du denkst: "Ja gut, dann gehe ich halt zu einem besseren Verein." Dann bist du nicht mehr klar im Kopf. Und diese Problematik haben wir hier gerade.
Inwiefern?
Wir haben noch immer ein Finanzproblem. Wir haben keinen Trikotsponsor, haben den Stadionnamen bisher nicht verkauft bekommen. Und schon können wir die besten Leute hier aktuell nicht längerfristig an den Verein binden, weil uns die Mittel dazu fehlen.
Gibt es Aussichten, dass sich das ändert?
Ich habe am Anfang dieser Saison hier einen Verein vorgefunden, der am Nullpunkt war. Es kamen kaum noch Zuschauer, die Sponsoren sind dem Verein weggelaufen. Daher muss es jetzt unser Ziel sein, über den sportlichen Erfolg und über das Auftreten der Mannschaft alles wieder Stück für Stück zurückzuholen. Und wir sind auf einem guten Weg. Mittlerweile kommen wieder mehr Fans, die Leute kommen gerne. Ich glaube, ohne etwas zu beschönigen, sagen zu können, dass wir hier attraktiven Fußball spielen. Es macht Spaß, der Truppe zuzuschauen.
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