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Netzer will "keinen Tag als Kommentator missen"

07.03.2011, 13:15 Uhr | DFB.de

Günter Netzer erhält 2010 den Medienpreis "Die Goldene Henne". (Foto: dpa)

Günter Netzer erhält 2010 den Medienpreis "Die Goldene Henne". (Foto: dpa)

Drei Wochen noch bis zum Länderspiel in Mönchengladbach. Am 29. März spielt die deutsche Nationalmannschaft gegen Australien. Der Vorverkauf läuft, die Vorfreude ist groß. Einer fiebert dem Spiel ganz besonders entgegen: Günter Netzer. Im DFB.de-Gespräch der Woche hat der ehemalige Gladbacher über seine Anfänge als Fußballer, die aktuelle Situation in Mönchengladbach und gemeinsame Abende mit Bundestrainer Löw gesprochen.

Herr Netzer, wie groß ist Ihr Bezug zu Ihrem ehemaligen Verein?
Auch aus der Entfernung leiden und fiebern wir Ehemaligen natürlich mit. Aber ich habe gelernt, dass es nicht besonders gut ist, wenn sich Ehemalige von außen ständig einmischen und Ratschläge erteilen. Ich habe es immer vermieden, so etwas zu tun.

Dass Lucien Favre neuer Trainer in Gladbach ist, haben Sie dennoch wohlwollend kommentiert.
Ich kenne ihn noch von früher. Er war ein sehr guter Spieler, ein Techniker, und das hat sich auf seine Arbeit als Trainer übertragen. Ich habe das schon in der Schweiz gesehen, beim FC Zürich, da ist er ja zwei Mal Meister geworden. Dort habe ich beobachtet, wie er seine Mannschaften hat Fußball spielen lassen und seither bin ich der Überzeugung, dass er ein guter Trainer sein muss. Er ist in der Lage, etwas aufzubauen, das habe ich in Zürich gesehen, das haben wir alle in Berlin gesehen.

Erinnern Sie sich noch an Ihre Anfänge, an Ihren ersten Verein, den 1. FC Mönchengladbach?
Natürlich. Ich bin dort immer noch Mitglied, seit 60 Jahren mittlerweile. Eine Verbindung besteht also noch. Wir haben mit der Uwe-Seeler-Traditionself mal ein Benefizspiel zu Gunsten des 1. FC Mönchengladbach gemacht, von den Einnahmen hat sich der Klub ein neues Vereinsheim bauen können. Das ist aber schon eine Weile her.

Sie sind erst mit neun Jahren dem 1. FC Mönchengladbach beigetreten. Wo haben Sie vorher Fußball gespielt?
Auf der Straße, von morgens bis abends. Auch als ich dann Mitglied beim 1. FC Mönchengladbach war, haben wir mehr auf der Straße Fußball gespielt als im Verein.

Wie groß war damals die Rivalität zwischen dem 1. FC und Borussia Mönchengladbach?
Die war groß, natürlich, das waren die beiden Konkurrenten. Und der 1. FC war bei den Jugendmannschaften meistens besser. So ist es ja häufig in größeren Städten. Die kleineren Vereine sind bei den unteren Mannschaften besser, weil die großen die Nachwuchsarbeit vernachlässigen.

Im Jahr 1960 hat Borussia Mönchengladbach den DFB-Pokal gewonnen, damals waren sie 16 Jahre alt. Wie haben Sie diesen Erfolg erlebt?
Als Fan im Stadion. Albert Brülls war damals mein Held.

Wie waren Ihre Eindrücke, als Sie zum ersten Mal zum Training zur Borussia gegangen sind?
Fritz Langner war Trainer, das sagt schon alles. Wer ihn einmal erlebt hat, wird das in seiner gesamten Laufbahn nicht vergessen. Es waren andere Zeiten. Wenn man als junger Spieler auf der Massagebank lag und ein älteres Spieler kam an, dann gab es nur eine Handbewegung, eine kleine Geste - und wir flogen von der Bank. Auch sonst lässt sich das alles mit heute nicht vergleichen. Fritz Langner war wirklich eisenhart, fragen Sie nicht, wie wir damals trainiert haben.

Dann muss ich ja fragen…
Herrjeh. Langner war berühmt für sein unmenschliches Training, das gab es nirgendwo anders. Knüppelhart ist noch untertrieben, Felix Magath ist ein Waisenknabe dagegen. Aber wir alle haben unter Langner eine Menge gelernt, ich will nichts Schlechtes über ihn sagen.

Reiseveranstalter werben heute für Gladbach mit dem Netzer-Geburtshaus und Ihrer ehemaligen Diskothek als Sehenswürdigkeiten. Wie fühlt sich das an?
Die ganze Entwicklung ist unglaublich. Natürlich fühlt man sich geehrt, natürlich ist das schön. Wir waren früher alle Jungs, die nur Fußball spielen wollten. Dann haben wir eines Tages sogar Geld dafür bekommen, schon das war unvorstellbar.

Wenn Sie Werbung für die Stadt Mönchengladbach machen müssten, was würden Sie empfehlen? Wo ist es in Gladbach besonders schön?
Ich bin in den vergangenen Jahren, fast Jahrzehnten, nur noch ganz, ganz selten dort gewesen.

Warum sind Sie nur noch so selten in Mönchengladbach? Immerhin haben Sie dort Kindheit, Jugend und sportlich eine sehr erfolgreiche Zeit verbracht.
Ich habe einfach einen anderen Lebensweg eingeschlagen. Auch sind die Menschen, mit denen ich in Gladbach viel verbinde, nicht mehr dort. Ich habe dort keine familiäre Basis mehr, keine Verwandten und kaum noch Bekannte. Auch aus dem Fußball sind dort kaum noch Menschen übrig geblieben, die ich noch aus meiner aktiven Zeit kenne. Es gibt also wenig Bezugspunkte.

Nach der WM in Südafrika haben Sie sich aus dem Fernsehen zurückgezogen. Fehlen Ihnen das Kommentieren und die Auftritte in der Öffentlichkeit?
Überhaupt nicht. Ich möchte zwar keinen Tag meiner 13 Jahre als Kommentator missen. Es war eine tolle Erfahrung, überwiegend großer Spaß, und ich wurde bis an meine Grenzen gefordert. Aber ich habe immer auch sehr genau erkennen können und richtig entschieden, wann ich Dinge beenden muss.

Als Grund für Ihren Ausstieg haben Sie genannt, dass alles gesagt sei. Gibt nicht aber jedes Spiel Anlass zu neuen Worten und neuen Analysen?
Das schon, aber das habe ich auch nicht gemeint.

Sondern?
Ich habe frühzeitig in einer Art über Fußball gesprochen, die neu war. Aber den Fußball kann man nicht neu erfinden. Man kann nur das Spiel anders darstellen, als Wortakrobat. Man kann neue Worte finden für das Gesehene, aber das kann und will ich nicht mehr, weil es an der Sache nichts ändert. Ich will nicht dasselbe sagen und dafür nur andere Formulierungen wählen, die dem Zuschauer vielleicht gefallen, weil sie plakativ und schlagzeilenträchtig sind. Das bin nicht ich, das habe ich nie gewollt, damit kann ich mich nicht identifizieren. Deswegen konnte ich mit gutem Gewissen aufhören.

Rund um Ihren finalen Auftritt beim Spiel um Platz drei bei der WM in Südafrika zwischen Deutschland und Uruguay wurde Ihr Wirken in zahlreichen Veröffentlichungen geradezu hymnisch gelobt. Wie haben Sie dies empfunden?
Ich habe viele Dinge mit sehr viel Genuss gelesen, weil sie teilweise sehr geistreich waren und mir das Gefühl vermittelt haben, dass viele Leute mich in meinem Tun und meinem Charakter verstanden und auch die Zwischentöne erkannt haben. Das hat mir sehr gefallen.

Bundestrainer Joachim Löw hat Ihre fachliche Trefferquote gelobt und die Hoffnung geäußert, dass Sie nun die Zeit finden, häufiger mit ihm Essen zu gehen. Hat sich seine Hoffnung erfüllt?
Ich habe mit dem Bundestrainer schon seit längerer Zeit einen sehr guten Kontakt, die Familien gehen ab und zu gemeinsam Essen. Zwischen uns existiert eine wunderbare Beziehung, die ich nicht missen möchte. Ich habe ihn von Anfang an richtig erkannt. Schon im Jahr 2006 habe ich gesagt, dass er sehr große Fähigkeiten hat. Das habe ich damals ja auch schon artikuliert.

Wenn die Familien Löw und Netzer Essen gehen - dreht sich dann alles um Fußball?
Überhaupt nicht. Er hat eine sehr nette Frau, es geht dann immer sehr lustig zu. Jeder hat aus seiner Sicht und aus seinem Leben irgendwelche Dinge zu erzählen, die mit dem Fußball nichts zu tun haben. Ich genieße diese Abende immer sehr. Und ich glaube, das gilt für alle Beteiligten.

Sie können nun Länderspiele anschauen, ohne dabei arbeiten zu müssen. Wie fühlt sich dies für Sie an?
Es ist anders, ein Spiel als Fan der Nationalmannschaft zu schauen, ohne im Hinterkopf zu haben, dass man dem Zuschauer nach dem Spiel Erkenntnisse vermitteln muss, die er selber vielleicht nicht hatte. Dieses Denken, dieser Druck ist verschwunden, das empfinde ich als äußerst angenehm und als Erleichterung.

Wo und mit wem haben Sie nach Ihrem Rückzug von der ARD die Spiele der Nationalmannschaft geschaut?
Das ist immer verschieden. Ich bin häufig mit meiner Familie und meiner Frau im Stadion. Dabei verhalte ich mich anders als früher. Meine Frau darf jetzt hin und wieder sogar sprechen, früher durfte man mich während eines Spiels nicht ablenken.

Ihren letzten großen öffentlichen Auftritt hatten Sie bei der Verleihung der Goldenen Kamera. Dort waren Sie Laudator für Monica Lierhaus - und dabei sichtlich bewegt. Warum war dieser Auftritt so schwierig für Sie? Der Anlass war ja eigentlich fröhlich, immerhin hat Frau Lierhaus an diesem Abend einen großen Schritt zurück ins normale Leben gemacht.
Auf der einen Seite stimmt das. Und natürlich habe ich mich auch für sie gefreut. Aber wenn man die gesamte Vorgeschichte miterlebt hat, dann ist das Ganze zunächst mal eine große Tragödie. Auch bei mir hat das Spuren hinterlassen, deswegen habe ich zuerst auch gesagt, dass ich dafür nicht geeignet bin, als ich gebeten wurde, diese Laudatio zu halten. Erst als sie gesagt hat, dass sie sich keinen anderen vorstellen kann, habe ich gewusst, dass ich ihr diese Bitte nicht abschlagen kann. Ich wusste aber auch, dass ich das nicht kann.

Dann haben Sie sich eines Besseren belehrt…
Ja und nein. Ich konnte es nicht so, wie man sich das vorstellt. Ich habe es aber mit Mühe und Not ins Ziel geschafft.

Aber ist das nicht der beste Weg? Es wäre doch wenig authentisch gewesen, wenn Sie sich verstellt und den Ungerührten gemimt hätten.
Ich bin froh, dass das von vielen so gesehen wird. Es war alles wie immer, ich war ich. Und ich bin froh, dass ich diese Emotionalität gezeigt habe, weil es meine Verbundenheit mit ihr zeigt.

DFB.de  

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