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Boateng: "Ich fange fast wieder bei Null an"

01.09.2011, 10:29 Uhr

Jerome Boateng will nach einer schwierigen Saison beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft durchstarten. (Foto: imago)

Jerome Boateng will nach einer schwierigen Saison beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft durchstarten. (Foto: imago)

Jerome Boateng gilt seit Jahren als Innenverteidiger der Zukunft. Zeigen konnte es der 22-Jährige aber nur selten, denn stets musste der Abwehrschlacks andere Lücken füllen. Bei Hertha, Hamburg, Manchester und auch in der Nationalmannschaft, in der er sich bei der WM 2010 etablierte. Nach einem schwierigen Jahr in der Premier League, mit einigen Verletzungen und einer Knie-OP, soll nun der Wechsel zum FC Bayern dem Positions-Nomaden eine feste Heimat im Abwehrzentrum und einen neuen Karriereschub bescheren (Der Formcheck zum Durchklicken: Sorgenkind Podolski, Hoffnungsträger Müller).

Im Interview mit FUSSBALL.DE spricht Boateng vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Österreich (Freitag ab 20.30 Uhr im FUSSBALL.DE Live-Ticker) über die Nachteile eines Abwehrallrounders, Münchens Schicksal in der Champions League und einen großen Makel in seiner Karriere.

FUSSBALL.DE: Herr Boateng, am Freitag trifft Deutschland in der EM-Qualifikation auf Österreich. Welche Chancen rechnen Sie sich aus, in Gelsenkirchen von Beginn an zu spielen?
Jerome Boateng: Schwer zu sagen. Erst einmal bin ich froh, überhaupt wieder bei der Nationalmannschaft zu sein. In der vergangenen Saison bei Manchester City hatte ich viel Pech mit Verletzungen. Gleichzeitig haben andere Nationalspieler ihre Chance genutzt und sind in den Vordergrund gerückt. Ich fange also fast wieder bei Null an und möchte mich durch Leistungen empfehlen.

Wo sehen Sie größere Chancen auf einen Stammplatz: in der Innenverteidigung oder auf der rechten Außenbahn?
Rechts sind die Möglichkeiten bei der Nationalmannschaft sicher größer, weil der Konkurrenzkampf dort nicht so groß ist wie im Zentrum.

Ist es inzwischen ein Nachteil, ein Allrounder wie Sie zu sein? Variable Spieler werden gerne als Joker über den Platz verschoben und finden dann manchmal keine Heimat mehr.
Es hat natürlich nicht nur Vorteile, überall einsetzbar zu sein. Meine Lieblingsposition ist die Innenverteidigung, das weiß auch der Bundestrainer. Aber ich habe auch schon rechts und links in der Abwehr gespielt und sogar im Mittelfeld. Wenn es für die Mannschaft wichtig ist, lasse ich mich gerne verschieben. Und wenn wir Erfolg damit haben, umso lieber.

DFB-Sportdirektor Matthias Sammer hat jüngst gesagt: "Wenn man Jerome vertraut, ist er der perfekte Innenverteidiger." Spüren Sie beim FC Bayern schon dieses Vertrauen?
Absolut. Ich fühle mich sehr wohl unter Jupp Heynckes. Auch wenn ich zuletzt zwei Mal auf der Außenbahn aushelfen musste. Der Trainer hat mir genau erklärt, warum er in Zürich und Kaiserslautern lieber mit Daniel van Buyten im Abwehrzentrum spielen lassen wollte. Das war völlig okay.

Wie klappt beim FC Bayern das Zusammenspiel mit Holger Badstuber?
Sehr gut, obwohl wir noch nicht allzu viel proben konnten.

Spricht das dafür, in der Nationalelf auf den Bayern-Block zu setzen?
Das entscheidet der Trainer. Aber ein Nachteil ist es sicher nicht, wenn Spieler harmonieren und schon vom Klub her aufeinander abgestimmt sind.

Was macht die Eingewöhnung in der neuen Mannschaft? Haben Sie schon ein paar Kumpels in München?
Das ist alles kein Problem. Mit Holger Badstuber verstehe ich mich auch privat prima, mit Ivica Olic habe ich schon beim Hamburger SV gespielt und die meisten anderen Bayern-Spieler kenne ich doch von der Nationalelf.

Ihr "Sprachtrainer" David Alaba soll unzufrieden sein mit dem Lernfortschritt in bayerischer und österreichischer Mundart...
...weil er zu wenig Zeit für mich hat. Da muss er sich einfach mehr um seine Schüler kümmern. (lacht) Bayerisch verstehe ich ja noch, aber wenn David auf Österreichisch loslegt, verstehe ich kein Wort mehr.

München spielt in der Champions League bald gegen Ihren ehemaligen Klub Manchester City. Was sagen Sie zur Auslosung?
Das hatte ich mir schon vorher gedacht. Ist ja oft so, dass man auf seine alten Vereine trifft.

Schicksal?
Sozusagen. Mit Micah Richards, Vincent Kompany und ein paar anderen alten Kollegen habe ich direkt SMS ausgetauscht. Die freuen sich schon auf das Wiedersehen.

Auf wen müssen die Bayern in den Duellen mit City am meisten aufpassen?
Am besten auf alle. Da spielen so viele gute Leute, gerade in der Offensive. Wenn Carlos Tevez jetzt vielleicht doch bleibt, umso mehr. Da muss man erst mal abwarten, wer überhaupt spielt.

Trotzdem ist der FC Bayern Gruppenfavorit?
Ich denke schon. München ist so oft dabei gewesen und hat große Erfahrung in der Königsklasse. Da muss selbst eine hochkarätig besetzte Mannschaft wie City erst hinkommen. Für Manchester als Verein ist es schließlich die Premiere in der Champions League, auch wenn einige Spieler das Gefühl schon woanders her kennen.

Ist das Finale in München schon im Hinterkopf?
Nein, das darf es nicht sein. Zunächst müssen wir unsere Gruppe überstehen, Neapel und Villarreal sind ja auch keine No-Name-Teams.

Haben Sie die vergangene Saison bei City als verlorenes Jahr abgehakt?
So negativ sehe ich das nicht. Ich habe schon wertvolle Erfahrungen gesammelt. "Unglückliches Jahr" trifft es vielleicht besser, denn ich war zwei Mal länger verletzt. Zuletzt hatte ich noch die Knieoperation. Das hat mich leider zurückgeworfen - in Manchester, aber auch in der Nationalmannschaft.

Wie viele Profifußballer haben Sie eine eigene Website. Dort verraten Sie "ein Faible für schöne Dinge". Was dürfen wir darunter verstehen?
Wie viele Männer mag ich schöne Autos, Uhren oder Schmuck. Schöne Dinge sind für mich aber auch, wenn ich mit meiner Familie zusammen bin, mich um die Zwillinge kümmere, wir gemeinsam in Urlaub fahren. Es ist nicht nur Materielles damit gemeint.

Vor Spielen sind Sie oft mit fettem Kopfhörern zu sehen, mit denen sie sich vom Stadiontrubel abschirmen und noch mal Ruhe suchen. Was hören Sie denn so?
Verschiedenes. Michael Jackson, Chris Brown, Alicia Keys, Drake. R&B hauptsächlich.

Als Michael-Jackson-Fan: Können Sie auch den Moonwalk, mit dem ihr Halbbruder Kevin-Prince bei der Meisterfeier des AC Mailand geglänzt hat?
Nicht so gut wie er. Den Moonwalk hat er schon mit neun Jahren draufgehabt. Ungelogen. Beim Tanzen ist mein Bruder einfach begabter.

Kevin-Prince hat sich inzwischen beim AC Mailand auf der großen Bühne durchgesetzt und das Bad-Boy-Image abgelegt. Sind Sie erleichtert, sich nicht mehr vom eigenen Bruder abgrenzen zu müssen, der nach dem Foul an Michael Ballack von der Boulevardpresse sogar zum "Staatsfeind Nummer eins" erklärt wurde?
Ich habe mich nie von ihm abgegrenzt. Natürlich haben auch wir unsere Meinungsverschiedenheiten, aber das gehört in jeder Familie dazu. Dass er sich bei Milan nun durchgesetzt hat, freut mich natürlich sehr.

Ihr Bruder ist nicht nur beim Tanzen begabter, sondern auch in Sachen Torabschluss. Trotz weit über 100 Einsätzen in der Bundesliga, der Premier League und im Nationaltrikot warten Sie noch immer auf ihr Debüt-Tor. Wie groß ist der Wunsch, diesen Makel zu beseitigen?
Riesengroß, ist doch klar. Ein paar Mal war ich schon ganz knapp dran, aber bislang haben Pfosten oder Latte mein erstes Tor verhindert.

Die Konkurrenz ist Ihnen in dieser Hinsicht weit voraus. Mats Hummels und Benedikt Höwedes etwa zählen bei Standards zu den gefährlichsten Spielern ihrer Klubs.
Daran muss ich arbeiten, das habe ich mir für diese Saison auch fest vorgenommen. In dieser Spielzeit soll das Tor endlich fallen - und dann nicht nur einmal, sondern gerne öfters.

Als Verteidiger standesgemäß per Kopfball?
Das ist mir egal, ob mit Kopf oder Fuß. Hauptsache der Ball geht rein.

Quelle: FUSSBALL.DE

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