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Lok Leipzig: Tod und Wiedergeburt einer DDR-Legende

07.05.2013, 12:22 Uhr | FUSSBALL.DE

Ins linke obere Eck: Rene Müller verwandelt den entscheidenden Elfmeter gegen Bordeaux. (Quelle: imago\ND-Archiv)

Ins linke obere Eck: Rene Müller verwandelt den entscheidenden Elfmeter gegen Bordeaux. (Quelle: ND-Archiv/imago)

Von Julian Moering

Von der Bundesliga sind sie weit entfernt, auch die 2. Liga ist ganz weit weg für viele Traditionsklubs, die den deutschen Fußball früher mitprägten. Inzwischen sind sie - im besten Fall - in der viertklassigen Regionalliga beheimatet. Manche auch in der Bezirksliga oder tiefer. FUSSBALL.DE wirft in der Serie "Tränen, Triumphe, Tradition" einen Blick auf Vereine, deren größte Erfolge lange zurückliegen, die aber immer noch viele Fans bewegen. Heute, Teil 13: 1. FC Lokomotive Leipzig, Regionalliga Nordost.

Am 22. April 1987 um kurz vor 23 Uhr erlebte Lok Leipzig den wohl größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Der amtierende Pokalsieger der DDR erreichte nach einem 6:5 im Elfmeterschießen (0:1 n.V.) gegen Girondins Bordeaux das Finale des Europapokals der Pokalsieger. Held des Abends war Torwart Rene Müller, der zwei Elfmeter hielt und den entscheidenden selbst verwandelte. "Dass ich am Ende das Glück hatte, den Elfmeter zu verwandeln, war ein einmaliges Erlebnis in meiner Geschichte", erinnert sich der heute 54-Jährige für FUSSBALL.DE an den Abend im mit über 100.000 Zuschauern hoffnungslos überfüllten Leipziger Zentralstadion.

Den überwältigenden Jubel nach seinem Treffer hat der damalige Nationaltorhüter der DDR immer noch im Ohr: "Das ganze Stadion ist aufgesprungen und hat geschrien. Das prägt sich ein." Zum Titel hat es am Ende nicht gereicht - Ajax Amsterdam schlug die Ostdeutschen im Finale durch ein Tor von Marco van Basten mit 1:0 – doch die Freude über einen vorbildlich-sozialistischen "Kraftakt des Kollektivs" ist bei Müller geblieben.

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Die Wende: der Anfang vom Ende

Fast genau 26 Jahre nach der denkwürdigen Nacht von Leipzig ist der Jubel der Helden von ‘87 längst verklungen, von den 100.000 Zuschauern sind gerade einmal noch 2000 im Bruno-Plache-Stadion geblieben. Der größte Erfolg der Historie war zugleich Anfang vom Ende der Erfolgsgeschichte Lok Leipzig. Viermal FDGB-Pokalsieger, dreimal DDR-Vizemeister, einmal Halbfinalist im UEFA Pokal und eben jenes denkwürdige Europapokalfinale gegen Ajax. Doch wie so viele Vorzeige-Klubs aus Deutschlands Osten hatte auch Lok mit den Folgen der Wende zu kämpfen.

Dabei sah es zunächst gar nicht mal so schlecht aus. In der letzten Saison der DDR-Oberliga 1990/91 qualifizierten sich die "Lokisten" für die 2. Bundesliga. Ihr Debüt im gesamtdeutschen Profifußball fand jedoch nicht mehr als Lok Leipzig statt, da man mittlerweile wieder den Namen des traditionsreichen VfB Leipzig angenommen hatte, wie der Klub vor 1945 hieß. Zwei Jahre später schaffte man unter anderem mit Bernd Hobsch und dem heutigen Wolfsburg-Trainer Dieter Hecking im Kader den Aufstieg in Liga eins. Doch dann ging es steil bergab. Dem Abstieg als Tabellenletzter mit nur drei Siegen folgte 1998 der Gang in die Regionalliga.

Freier Fall des ersten deutschen Meisters

Eine Entwicklung, die Müller bis heute beschäftigt. "Den Ostvereinen ist es nach der Wende genauso ergangen wie der Wirtschaft: sie wurden schutzlos geplündert. Demzufolge war es eine große Leistung, dass der VfB die 2. Liga überstanden hat und sogar aufgestiegen ist." Dass der Erfolg Leipzig genauso schnell verlassen hat, wie er gekommen ist, hat für Müller nachvollziehbare Gründe. "Leipzig war in der ersten Liga und niemand hat sich dafür interessiert. Der VfB hatte nicht das Geld, in der ersten Liga zu investieren, weil weder Stadt, noch Wirtschaft geholfen haben. Und damit begann schon im Aufbau der Abstieg."

Ein Abstieg, der zum freien Fall wurde. 1999 hatte der VfB bereits 19 Millionen DM Schulden angehäuft, ein Insolvenzverfahren war unabwendbar. Doch was ein Neuanfang hätte werden können, endete im Desaster. Weitere Misswirtschaft und ein inkonsequent durchgeführtes Insolvenzverfahren ließen die Schulden bis 2003 wieder auf 4,8 Millionen Euro steigen, was ein erneutes Verfahren mit sich brachte und 2004 in der traurigen Auflösung der mittlerweile in der Oberliga gestrandeten ersten Mannschaft endete. Der 1896 gegründete Traditionsklub, der 1903 die erste deutsche Meisterschaft gewann, war Geschichte.

Ein Umstand, den man laut Müller durchaus hätte verhindern können. "Nur dem Verein die Schuld zu geben ist Schwachsinn. Doch das Lok, beziehungsweise der VfB, zweimal in dieselbe Falle gelaufen ist, ist Dummheit", blickt Müller gereizt auf das dunkelste Kapitel der Vereinsgeschichte zurück. "Es tut weh, wenn man sieht, welche Chancen nach der Wende verpasst wurden. Damals hätte man einiges gestalten können. Dem trauere ich nach."

Neugründung durch VfB-Fans

Bei den Fans des VfB hielt die Trauer hingegen nicht lange. Noch Ende 2003 riefen 13 Anhänger des Klubs den 1. FC Lokomotive Leipzig erneut ins Leben. Die erfolgreichen Nachwuchsteams des VfB wurden übernommen, weitere Jugendteams vom FC Sachsen Leipzig gekauft. Es herrschte Aufbruchstimmung, die Leipzigs Fußballwelt aber in ihrer ganz eigenen Art schnell wieder zu Nichte machte. Der Plan der Stadt, alle Fußballkompetenz Leipzigs an einem Ort zu bündeln und so etwas wie einen "1. FC Union Leipzig" zu schaffen, scheiterte am Widerstand der zu stark rivalisierenden Lager von Lok und Sachsen, ehemals BSG Chemie Leipzig.

Lok-Lothar und Spieler-Casting

Und so musste Loks Coach Rainer Lisiewicz eine Mammutaufgabe stemmen und für die Saison 2004/05 eine komplett neue Männermannschaft für die 11. Liga aufstellen. Dazu wurden in einer in Deutschland wohl einzigartigen Aktion über 100 VfB-Fans gecastet, aus denen Lisiewicz 25 für sein Team auswählte. Höhepunkt der medienwirksamen Wiedergeburt war der Gastauftritt von Lothar Matthäus im Lok-Dress, der beim 1:0-Sieg gegen SV Ost 1858 und dem damit verbundenen Einzug ins Stadtpokalfinale 2005 von 6000 Zuschauern mit dem Sprechchor "Lok-Lothar, wir danken dir" gefeiert wurde. "Es war einfach geil. Hier riecht es noch nach Fußball", sagte der damals 44-jährige zweimalige Weltfußballer nach dem Spiel.

Damoklesschwert Insolvenz: erneute Pleite droht

Durch die Einverleibung des SSV 52 Torgau und vier sportlichen Aufstiegen konnte Lok bereits 2008/09 Oberliga-Duft versprühen. Vieles ist neu, jedoch sind auch viele der alten Probleme geblieben. Der Klub kämpft immer noch finanziell ums Überleben. Der dreimalige DDR-Vizemeister muss eine sechsstellige Summe aufbringen, um ein Finanzloch zu stopfen und das Überleben zu sichern. Und wieder sollen die Fans helfen: Seit Februar konnten sich Anhänger für 150 Euro einen Platz auf der Brust ihrer Kicker sichern. Auf dem neuen Trikot für die Saison 2013/2014 werden 679 Namen zu einem Logo zusammengeführt. Auf einem Spendenkonto haben sich mehr als 150.000 Euro angesammelt.

Sportlich hat man die Rolle des Platzhirschen an das finanziell ultrapotente RB Leipzig verloren. Auch viele Zuschauer haben dem Bruno-Plache-Stadion mittlerweile den Rücken gekehrt und pilgern lieber ins neue Zentralstadion, um mit dem Tabellenführer der Regionalliga die von Red Bull gesponserte Rückkehr Leipzigs in den Profifußball zu feiern.

Doch auch im Schatten der übermächtigen "Bullen" weiß sich Lok durchaus zu behaupten. Im Sommer letzten Jahres gelang der Aufstieg in die Regionalliga. Für Müller muss damit das Ende der sportlichen Fahnenstange noch nicht erreicht sein. "Die 3. Liga ist vielleicht drin", wagt Müller einen positiven Ausblick in die Zukunft, kann sich eine Spitze gegen die von ihm nicht bedingungslos geliebte Führungsriege von Lok aber nicht verkneifen: "Aber nur, wenn man über Jahre hinweg gut arbeiten würde."

Der Kreis schließt sich

Nach dem Aufstieg in die Regionalliga wurde Ex-Spieler Marco Rose als Trainer verpflichtet. Und da schließt sich der Kreis. Der ehemalige Profi von Mainz 05 lief just in dem Jahr zum ersten Mal im Lok-Trikot auf, als Rene Müller zum Elfmeterhelden wurde.

Quelle: FUSSBALL.DE

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