
17.02.2012, 11:11 Uhr | DFB.de
Bundeskanzlerin Angela Merkel. (Quelle: imago)
Dreimal wirbelt sein Bein um die Kugel. Der Fußballjongleur hängt sich rein, um den 200 Gästen die Wartezeit zu verkürzen. Hilft leider nix. Statt verblüffter Bewunderung erntet der Mann am Ball nur fahriges Desinteresse. Weil alle aufgekratzt sind, nervös und ungeduldig. Weil SIE kommt.
Die Limousine rollt vor, dann ist sie da, die Bundeskanzlerin. Ob sie gerade noch Griechenland oder gleich die ganze Welt retten musste? Jedenfalls ist sie jetzt aus dem nahegelegen Regierungsviertel herbei geeilt. Zur Verleihung des DFB- und Mercedes-Benz Integrationspreis. "Integration", sagt Dr. Angela Merkel am Rednerpult, "ist eine Schlüsselaufgabe für unser Land und wird es auf absehbare Sicht bleiben."
Dass der Fußball hier Brücken schlägt, Mauern einreißt und Berge versetzt, wurde spätestens deutlich, als Mesut Özil im Sommer 2010 das Tor zum WM-Achtelfinaleinzug schoss. Türkisch, deutsch, deutsch-türkisch – ganz egal. Ein Tor, ein Jubel und ein Land rückte enger zusammen. "Der Sport ist ein ziemlich einzigartiger Integrationsmotor", stellt Merkel fest. Der Besuch der Kanzlerin wertet den Preis und damit auch die Preisträger auf. Etwa den Mainzer Stadtteilverein Fontana Finthen, dessen Einsatz für die Integration mit dem ersten Preis belohnt wird.
"Wir nehmen unsere jungen Vereinsmitglieder früh in die Verantwortung", erklärt Winfried Schmidt den Mainzer Integrationsplan. Seit vier Jahrzehnten ist der Hauptschullehrer Mitglied beim Bezirksligaklub, ganz früher als Mittelstürmer ("Ein bisschen wie Bierhoff. Am liebsten hätte ich die Elfmeter noch reingeköpft"), dann als Nachwuchstrainer, seit 27 Jahren leitet er die Jugendabteilung. Mit großem Erfolg. "Wenn Du Trainer für die Bambinis suchst, hast Du ohnehin nur die Wahl: Rentner oder Teenager. Wir haben uns entschieden, unsere B-Jugendlichen als Trainer auszubilden.“
Und weil den Finthenern das hervorragend gelingt, weil der 1928 gegründete Klub den Strukturwandel des früher ländlichen Stadtteils konstruktiv begleitet und weil mittlerweile 40 Prozent der Vereinsmitglieder einen Migrationshintergrund haben, sind die Mainzer der Integrationsverein des Jahres. Menschen aus 30 Nationen spielen in Finthen friedlich vereint Fußball. Eine Jury mit Dr. Theo Zwanziger, Oliver Bierhoff und auch Maria Böhmer, der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, wählte die Mainzer aus. Beim abschließenden Gruppenbild mit Kanzlerin klopft Angela Merkel Jugendleiter Schmidt anerkennend auf die Schulter.
Die Kanzlerin kennt die aktuelle Integrationsstatistik: Mittlerweile 18 Millionen Bürger sind Ausländer oder haben eine Zuwanderungsgeschichte. Jedes dritte Kind in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. In den Ballungsgebieten liegen die Zahlen höher. Ein Land schafft sich keineswegs ab, es verändert sich nur. Und keine andere Sportart ist so "bunt" wie der Fußball. 20 Prozent der Mitglieder in den knapp 26.000 Vereinen des DFB sind Migranten. Auch deshalb spielt der Fußball eine tragende Rolle im Nationalen Integrationsplan der Bundesregierung. Maria Böhmer ist ein genauso häufig wie gern gesehener Gast in der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt.
"Vom Fußball gehen viele Impulse aus. Sport kann auch helfen, etwas gegen Jugendgewalt zu unternehmen. Und wir dürfen auch die Gefahren nicht ignorieren, etwa die Unterwanderung von Vereinen durch rechtsextreme Gruppen", warnt die Bundeskanzlerin. Fast neunzig Minuten bleibt sie, viel länger als eingeplant. Zum Ende der Verleihung kehrt sie – auch das steht nicht im Regieplan - auf die Bühne zurück, für das Gruppenbild mit fast 50 Vertretern der neun prämierten Vereine, Schulen und Projekte.
Einer da oben auf der Bühne ist Rohit Saini. Die Eltern des 16-jährigen Jungen stammen aus der indischen Region Radghastan, er wuchs in Mainz auf, für Fontana Finthen trainiert er die Bambinis. "Wir haben Kinder aus zehn verschiedenen Nationen in unserer Mannschaft", berichtet Rohit. Sein Freund Mergim Ramadani kam vor zehn Jahren mit seinen Eltern aus Afghanistan nach Deutschland. Auch er trainiert eine der zwölf Nachwuchsmannschaften des Klubs.
Beide, Rohit und Mergin, sind überzeugt vom Kurs den Fontana Finthen eingeschlagen hat – vom jährlichen "Tag der Integration", von den Bewerbungstrainings, vom interkulturellen Austausch, der beim Verbandsligaklub gepflegt wird. "Wenn man nur Fußball spielt, lernt man sich nicht wirklich kennen. So entstehen doch nur Grüppchen. Deshalb ist es gut, dass unser Verein sich um die Integration aktiv kümmert", sagt Rohit.
Und Mergim fügt hinzu: "Was bei Fontana Finthen passiert, ist eine tolle Sache. Hier gibt es eine richtige Gemeinschaft, trotz der Unterschiede fühlen wir uns sehr wohl miteinander. Wir holen die Kids von der Straße auf den Fußballplatz." Und das findet nicht nur an diesem Tag auch die Bundeskanzlerin gut.
DFB.de
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