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Serie: Heimathäfen der Kapitäne|15.10.2014|16:00

Blaubach-Diedelkopf: Ein Klose war zu wenig

Heimatverbunden: Bundesligaprofi und Nationalspieler Miroslav Klose 2003 vor seinem Haus in Blaubach. [Foto: imago]

Aus ihren kleinen Heimatvereinen zogen sie einst aus, um die große Fußballwelt zu erobern und die Nationalmannschaft anzuführen. FUSSBALL.DE stellt die „Heimathäfen der Kapitäne“ vor. Heute: die traumhafte Geschichte von Miroslav Kloses SG Blaubach-Diedelkopf, die mit einem bösen Erwachen endete.

Märchen ohne Happy End: Die Geschichte der SG Blaubach-Diedelkopf klang jahrzehntelang so, als sei sie von einem Fußball-Romantiker erträumt worden. Ein Dorfklub, eine Spielgemeinschaft zweier Vororte einer ohnehin nicht sonderlich großen Kreisstadt, kämpft sich von der untersten Spielklasse bis in die Verbandsliga. Mit wenig Geld, mit viel ehrenamtlichem Einsatz und viel guter Jugendarbeit. Und entdeckt ganz nebenbei auch noch Miroslav Klose, den Rekordtorschützen der WM-Geschichte und treffsichersten deutschen Nationalspieler aller Zeiten, der die DFB-Auswahl in insgesamt 17 Länderspielen als Kapitän anführte und in Brasilien mit zum vierten Weltmeistertitel schoss.

Von 1987 an kickte Klose in allen Jugendteams und bis 1997 in der ersten Mannschaft der SG Blaubach-Diedelkopf. Ausgerechnet kurz nachdem Klose mit dem WM-Pokal aus Brasilien zurückkehrte, beantragte die SG Blaubach-Diedelkopf Insolvenz. Die erste Mannschaft ist mittlerweile vom Spielbetrieb abgemeldet, die Nachwuchsspieler auf Vereine in der Region verteilt. Noch ist das Insolvenzverfahren nicht eröffnet, noch existiert der Klub. Aber die Verantwortlichen machen sich keine Illusionen. In Kloses Heimatverein gehen die Lichter aus.

Talentsuche in der Berufsschule

"Wenn Miro damals keine Lust hatte, konnte man ihn genauso gut als Torpfosten aufstellen"

In den 80er-Jahren hatte eine Gruppe von Männern aus dem Pfälzer Bergland eine Idee. Der Fußballverein ihres Heimatortes, die 1949 gegründete Sportgemeinschaft Blaubach-Diedelkopf, krebste konstant in den untersten Ligen herum. C-Klasse, vielleicht mal B-Klasse, wenn es gut lief. Nachwuchs- und Jugendarbeit? Fehlanzeige! Da muss doch mehr möglich sein, dachten sich Männer wie Erich Berndt, Dieter Groß und Dieter Schmolke. Und nahmen die Sache einfach selbst in die Hand.

Der erste Schritt: die Talentsuche. Gesucht wurde in den Realschulen, Gymnasien und Berufsschulen der Kreistadt Kusel und Umgebung. Gefunden wurde unter anderem ein gewisser Miroslav - genannt „Mirek“ - Klose, ein ziemlich schmächtiges und unscheinbares Bürschlein, das kurz zuvor mit seinen Eltern von Polen nach Kusel gekommen war.

Dieser Mirek war ein talentierter Fußballer. Kein Wunder, hatte doch sein Vater Josef fünf Jahre in Frankreich für den AJ Auxerre unter Trainerlegende Guy Roux gespielt. Mutter Barbara war in Polen Handball-Nationalspielerin gewesen. Das sportliche Talent hatte Miroslav also in den Genen. Doch er war keineswegs der einzig talentierte Fußballer, den die SG fand. Und so machte sich ein Jugendjahrgang aus der Westpfalz auf den Weg nach oben.

Während die Herrenmannschaft der SG in der C-Klasse verweilte, ging es für die neugegründete Jugendabteilung immer nur bergauf. Ab der D-Jugend spielte der Nachwuchs aus Blaubach-Diedelkopf dauernd um den Aufstieg, und das immer erfolgreich. Irgendwann war man dann in der A-Jugend-Regionalliga angekommen, der damals höchsten Spielklasse. mit dabei unter anderem die Nachwuchsteams des 1. FC Kaiserslautern und von Mainz 05.

„Das stand sogar mal richtig in der Zeitung“, erinnert sich der damalige A-Jugendtrainer Dieter Schmolke. „Dass wir der kleinste Verein der damaligen Gründungsväter der Regionalliga waren.“ Der Erfolg hatte Signalwirkung auf das Umland. Ehrgeizige Fußballer, die nicht gerade vom 40 Kilometer entfernten 1. FC Kaiserslautern entdeckt wurden, kamen plötzlich an Blaubach-Diedelkopf nicht mehr vorbei.

Der launische Mirek

Die ganze Zeit mittendrin: Mirek Klose. Ein talentierter Fußballer, keine Frage, mit dem Ball am Fuß herausragend. Aber auch launisch und unberechenbar. Schmolke sagt heute: „Wenn der Lust hatte, dann war das ein Genuss, ihm zuzuschauen. Der hat die Gegner ausgetanzt, unglaublich. Und wenn er keine Lust hatte, dann konnte man ihn genauso gut als Torpfosten aufstellen.“

Leider war Klose immer noch viel zu schmächtig für einen Stürmer, zu einer Zeit, als Deutschlands Nachwuchstrainer noch auf der Suche nach dem nächsten Horst Hrubesch waren. Klose machte zu dieser Zeit viele frustrierende Erfahrungen. Bei einem Sichtungslehrgang für die Südwestauswahl wurde der schüchterne und zurückhaltende Mirek schon nach dem ersten Tag aussortiert, während sein Blaubacher Teamkollege Michael Berndt sogar für die deutsche U 15-Nationalmannschaft spielte.

Währenddessen hatte sich beim ersten Herrenteam der SG absolut nichts getan. Noch immer spielten die Blaubacher in der C-Klasse. Dann kam der Nachwuchs. „Sechs Spieler aus unserer Jugend sind bei uns geblieben“, berichtet Schmolke. „Um die herum haben wir die erste Mannschaft aufgebaut und sind bis zur Bezirksliga jedes Jahr aufgestiegen.“ Immer dabei: Miroslav Klose.

Weil die Jugend der SG so überragend war, fuhren die Spieler sonntags auch gerne mal Doppelschichten. Martin Korb, ein ehemaliger Teamkollege von Miro Klose, erinnert sich: „Die erste Mannschaft ist damals nur von der B-Klasse in die A-Klasse aufgestiegen, weil die ganzen A-Jugendspieler sonntags zwei Spiele gemacht haben. Aber wir wollten das damals auch. Wir haben freitags mit den Hufen gescharrt, wenn der Trainer der ersten Mannschaft vorbeikam, weil er noch drei Spieler für das nächste Spiel brauchte. ‚Nimm mich’, rief dann jeder. Heute wäre so etwas unvorstellbar.“ Nach ein paar Ehrenrunden in der Bezirksliga fuhr der Fahrstuhl weiter nach oben. Ungeschlagener Meister in der Landesliga, dann Aufstieg in die Verbandsliga. Dort spielt der Verein noch immer, seit nunmehr sieben Jahren.

Ab nach Kaiserslautern

Klose hatte irgendwann den Absprung geschafft, womit einige in Blaubach fast schon nicht mehr gerechnet hatten. Martin Korb sagt: „Damals konnte sich keiner vorstellen, dass der Mirek hier noch weggeht. Der hat ja in der kompletten Jugend und zwei Jahre bei der ersten Mannschaft gespielt und damals waren alle sicher, dass er den großen Schritt nicht mehr wagt.“

Doch Klose hatte auch Menschen in seinem Umfeld, die ihn gefördert und gefordert haben. „Erich Berndt und Peter Rubeck (heute Cheftrainer vom SV Eintracht Trier 05, damals Trainer beim FC Homburg, Anm. d. Red.) waren wichtige Leute für Mirek“, erinnert sich Schmolke. „Die haben ihm klargemacht: Mensch, du bist doch ein viel zu guter Fußballer, um hier in der Bezirksliga rumzutreten.“

Erst als Klose den Schritt zu Rubecks FC Homburg wagte, wendete sich das Blatt. Dabei war der Stürmer eigentlich nur zur zweiten Mannschaft des Ex-Bundesligisten gewechselt. Zehn Tore in einer halben Saison spülten Klose in die erste Mannschaft. In 18 Einsätzen traf der immerhin schon 20-jährige Klose dort nur ein einziges Mal. Danach war Homburg finanziell am Ende, und Miro suchte ein neues Team.

Sein ehemaliger Jugendtrainer Erich Berndt aus Blaubach empfahl Klose an den 1. FC Kaiserslautern weiter. Nicht, dass sich die Lauterer um das Talent aus dem Pfälzer Bergland gerissen hätten. Aber bei der zweiten Mannschaft mittrainieren, das war schon okay. Da passierte es dann: Der so oft übersehene oder gering geschätzte Klose weigerte sich plötzlich, weiter ignoriert zu werden. 26 Tore in 50 Spielen für den FCK II sprachen eine deutliche Sprache.

Das Bundesligadebüt unter Otto Rehhagel, das Siegtor bei der Länderspielpremiere gegen Albanien, fünf Tore bei der WM 2002 in Südkorea und Japan - die folgenden eineinhalb Jahre müssen für Miro Klose vollkommen unwirklich gewesen sein.

Klose auf dem Höhepunkt, die SG am Ende

Der Rest ist bekannt: der Wechsel vom FCK zu Werder Bremen, dann Bayern München und Lazio Rom. Der schüchterne Mirek wird zum Weltstar und Weltmeister, ist mit 71 Treffern Rekordtorschütze der deutschen Nationalmannschaft und seit diesem Sommer der erfolgreichste Torschütze bei Weltmeisterschaften überhaupt. Die vorherige Bestmarke des Brasilianers Ronaldo hat er mit 16 Toren übertroffen. Daheim in Blaubach staunen sie immer noch. Martin Korb sagt: „Dass der Mirek mal mehr Tore für Deutschland schießt als Gerd Müller, konnte sich früher natürlich niemand vorstellen.“

Die Fußballkarriere des Miroslav Klose ist immer noch unglaublich. Ein wahr gewordenes Märchen für Fußball-Romantiker. Nicht ganz so märchenhaft verlief die jüngere Vergangenheit bei der SG Blaubach-Diedelkopf, die nach 15 Jahren Aufwärtstrend mittlerweile hart auf dem Boden der Realität aufgeschlagen ist. Lange hielt sich die erste Mannschaft tapfer in der Verbandsliga, obwohl viele Klubs dort finanziell wesentlich besser gestellt sind. Dann wurden die Probleme zu groß: Kurz nach der WM 2014 musste Kloses Heimatklub Insolvenz anmelden.

„Verändertes Freizeitverhalten, immer mehr Vereine, die um den Nachwuchs buhlen, weniger Eltern, die uns unterstützen und letztendlich spielen auch die Finanzen immer mehr eine Rolle. Wir sind zu klein, und die Wirtschaft fehlt hier", erklärt Schmolke. Schon der tägliche Betrieb der Flutlichtanlage, damit alle Mannschaften regelmäßig trainieren können, überforderte die Finanzen des Dorfklubs. „Ich habe keine Hoffnung mehr für den Verein“, sagt Schmolke. Die Spieler sind schon weg, aus dem Sportplatz soll künftig ein Campingplatz werden. Noch ist das Insolvenzverfahren allerdings nicht eröffnet. Schmolke: „Vielleicht wird es das auch gar nicht mangels Masse. Dann wird der Verein gleich liquidiert. Es ist wirklich eine Tragödie.“

Auch nach Miroslav Klose schafften frühere Blaubacher den Sprung in den Profifußball. So wie Matthias Henn bei Eintracht Braunschweig. Oder Jan-Lucas Dorow, der in dieser Saison sein Profidebüt beim 1. FC Kaiserslautern gab. Empfohlen hatte er sich als Torjäger in der zweiten Mannschaft des FCK. Genau wie einst Klose.

Trotzdem: Fußballwunder gibt's nicht alle Tage. Die Geschichte des Dorfvereins, der mit wenig Geld, mit viel ehrenamtlichem Einsatz und ganz viel guter Jugendarbeit die Ketten des bis dahin nicht für möglich Gehaltenen sprengte und ganz nebenbei noch den WM-Rekordtorschützen entdeckte, war wohl nur einmal möglich. Zu genau dieser Zeit, genau an diesem Ort und mit genau diesen Protagonisten. Und leider ohne Happy End.