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Der "Windhund" ist immer noch nicht müde

08.02.2012, 11:26 Uhr | dfb.de

Horst Eckel war der Jüngste der Weltmeistermannschaft von 1954. Heute wird der "Windhund" 80 Jahre alt.  (Quelle: dapd)

Horst Eckel war der Jüngste der Weltmeistermannschaft von 1954. Heute wird der "Windhund" 80 Jahre alt. (Quelle: dapd)

Horst Eckel ist neben Hans Schäfer, mit dem er damals in jenem märchenhaften Sommer 1954 im Hotel Belvédère in Spiez das Zimmer teilte, und Ottmar Walter einer von drei noch lebenden "Helden von Bern", jener legendären Elf, die Ungarn im WM-Finale 3:2 besiegte. Heute feiert Eckel seinen 80. Geburtstag bei einem Empfang in seinem Stadion auf dem Betzenberg, keine 30 Kilometer entfernt von seinem Geburtsort Vogelbach, wo er bis heute mit seiner Frau Hannelore lebt. Rund 200 Gäste feiern mit ihm, auch DFB-Präsident Theo Zwanziger, sein designierter Nachfolger Wolfgang Niersbach und DFB-Schatzmeister Horst R. Schmidt.

Wenn man Eckel fragt, was für ein Spieler er denn war, sagt er: "Ich war immer einer, der willig war, der marschiert ist, der das Letzte gegeben hat." Sie nannten ihn, den gertenschlanken Läufer, "Windhund", in der Schweiz "Benjamin", weil er der Jüngste war und zu Hause immer "die Zeeb", die Zehe. Auf dem Fußballplatz ging Eckel unermüdlich die weiten Wege. Im Leben zog es ihn einmal für sechs Jahre ins Saarland. Ansonsten war, ist und bleibt er Pfälzer, Lauterer, ein "Roter Teufel" - mit dem 1. FC Kaiserslautern, für den er von 1949 bis 1960 spielte, gewann er 1951 und 1953 die Deutsche Meisterschaft. Noch heute verpasst er kein Heimspiel: "Und wenn wir verlieren, leide ich doch sehr mit."

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Auf dem Kindsbacher Sportfest wurde er als bester Spieler ausgezeichnet. 1948 war das, er bekam ein paar rote Fußballstiefel geschenkt, bald danach verpflichtete ihn der FCK. Sechs Jahre später wurde Horst Eckel Weltmeister, mit 22 Jahren. Im Finale von Bern erfüllte er Herbergers schwersten Auftrag. Ein Gespräch über Bern und die Gegenwart des Fußballs.

Herr Eckel, ist heute alles anders im Fußball?

Horst Eckel: Ja, es hat sich alles verändert, der Fußball von damals ist mit heute nicht vergleichbar. Auf dem Platz und außerhalb, das Spiel und die Rahmenbedingungen. Das fängt schon beim Zusammenhalt in der Mannschaft an. Mich aber prägt das Gefühl der Kameradschaft bis heute.

Die Mannschaft sang "Hoch auf dem gelben Wagen" auf der Busfahrt zum WM-Finale. Es war eine andere Zeit. Aber steht 1954 nicht auch für den Aufbruch des Fußballs in die Moderne?

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Bei der Nationalmannschaft hatten wir damals schon Unterwassermassage, das denkt man erst mal nicht. Zur Auflockerung haben wir Fußballtennis und Basketball gespielt. Sepp Herbergers Wissen über den Gegner war riesig. Er lehrte uns die Stärken und Schwächen jedes einzelnen Gegenspielers. Wir haben nie rausbekommen, woher "der Chef" die Informationen hatte. Dutzende Sportkanäle, Datenbanken im Internet - das war damals noch nicht einmal Zukunftsmusik. Auch auf dem Feld lebten wir nicht vom Einsatzwillen alleine. Positionswechsel, das frühe Attackieren des Gegners, das war auch taktisch schon ganz weit.

Wie wichtig war der Zusammenhalt für den Titelgewinn?

Mitentscheidend, aber alleine mit guter Kameradschaft wird niemand Welt- oder Europameister. Wir waren auch 22 Spieler im Aufgebot, und jeder wollte spielen.

Was war Herbergers größte Stärke als Trainer?

Die Vorbereitung. Er wusste alles über den kommenden Gegner, über die Türken, die Österreicher, über die Ungarn. Und er hatte ein unerschöpfliches Wissen über den Fußball insgesamt. Streng möchte ich Herberger nicht nennen, aber wir alle wussten, dass etwas auch so gemacht werden muss, wenn er es sagt. Er hatte zu jedem Spieler einen Draht, Herberger fand immer den richtigen Ton.

Wie modern war Herbergers Fußball?

Wir haben 1954 mehrere taktische Systeme beherrscht, konnten auch während des Spiels umschalten. Torwart, zwei Verteidiger, drei Läufer und fünf Stürmer, das war unser WM-System. Normal hätte ich im Finale gegen Ferenc Puskás gespielt, aber Herberger stellte mich gegen Hidegkuti. Eigentlich war ich offensiver Außenläufer, kurz hinter Fritz, konditionsstark und mit Stürmerqualitäten. Aber nun ließ ich mich ins Mittelfeld fallen, weil Hidegkuti nur nominell Mittelstürmer war, auch er kam mehr aus dem Mittelfeld. Kein Trainer auf der Welt hatte das ungarische System verstanden und geknackt, nur einer. Und das war Sepp Herberger. Werner Liebrich hat Ferenc Puskás gedeckt, ich den Kopf dieser Wundermannschaft, Nándor Hidegkuti.

"Ich möchte, dass Hidegkuti von Ihnen träumt", lautete Herbergers Marschroute.

Jahrzehnte später hat Hidegkuti mir erzählt, dass er irgendwann nach dem Spiel wirklich von mir geträumt hat.

Im Wankdorfstadion wurde ein Foto gemacht, man sieht Sie mit Toni Turek, Fritz Walter neben Jules Rimet stehen. Und alle lachen, ein paar Minuten vor dem Anstoß des Endspiels.

Wenn der Fritz vor dem Spiel mal gelacht hat, war er wirklich sehr zuversichtlich.

Heute unvorstellbar: Das WM-Finale wurde sieben Minuten vor der Zeit angepfiffen, nämlich um 16.53 Uhr.

Ich weiß bis heute nicht, was da passiert ist. Wir waren bereit. Wir hätten auch noch früher anfangen können.

Aber schon nach acht Minuten stand es 2:0 für die Ungarn.

Und wir haben gedacht, erst acht Minuten. Wir wussten, da ist noch viel Zeit. Und nach 18 Minuten stand es dann ja auch schon 2:2.

Wie dicht waren Sie zur Halbzeit vor der Auswechslung?

Kurz vor der Pause hat mir ein Ungar mit den Stollen den Oberschenkel aufgerissen. Mich hätte niemand aus dem Spiel gebracht. Schon auf dem Weg in die Kabine sagte ich unserem Masseur Erich Deuser: "Machen Sie irgend etwas, aber ich bleibe auf dem Platz." Pflaster drüber, Binde drum, weitere ging's. Weil wir damals so lange Hosen trugen, hat das keiner gesehen. Selbst wenn Herberger gesagt hätte "Kommen Sie doch raus" - ich wäre nicht vom Platz gegangen, nicht in diesem Spiel, nicht wegen einer Fleischwunde.

Sie wurden mit 20 Jahren Deutscher Meister, mit 22 Jahren waren Sie Weltmeister. Fühlten Sie sich jemals überfordert?

Nein, überhaupt nicht. Vielleicht weil die Zeit zum Nachdenken fehlte. Ich fing bei den Junioren in Kaiserslautern an, ein halbes Jahr später durfte ich mit der ersten Mannschaft trainieren. Plötzlich stand ich neben Fritz Walter. Ich habe in jedem Training versucht, meine beste Leistung zu bringen. Walter hat mir unglaublich geholfen, beim FCK und auch bei der Nationalmannschaft.

Wie war die erste Begegnung mit dem großen Fritz Walter?

Vor dem Training stand die Mannschaft im Kreis zusammen, und gleich bei meiner ersten Einheit stand ich direkt neben ihm. Da hatte ich schon ein flaues Gefühl. "Das wird vielleicht doch schwer werden", dachte ich kurz. Aber dann rollte der Ball, ich spielte das, was ich konnte, nicht weniger und nicht mehr. Am Ende der Einheit gab's ein Trainingsspiel, wobei Fritz immer wählen durfte. Und nach dem dritten oder vierten Training wählte er dann immer mich zum Anfang. Wir mussten nicht groß reden, er wusste, was ich auf dem Feld mache, ich wusste, wohin sein Pass gehen würde. Und auch außerhalb des Spielfeldes verstanden wir uns. Es war ein "Vater-Sohn-Verhältnis", auf das ich bis heute stolz bin. Technisch war er unvergleichbar, Walter war ein grandioser Fußballer. Ich hatte die Kraft und Schnelligkeit. Ab und zu bin ich für ihn ein wenig mitgelaufen. Dafür hat er für mich mit Fußball gespielt.

"Ich war immer einer, der willig war, der marschiert ist, der das Letzte gegeben hat", schreiben Sie in Ihrem Buch "Die 84. Minute".

Ja, das passt doch. Ich war pausenlos unterwegs, ausgepowert war ich eigentlich nie. Es gab Spiele, da hätte ich nach dem Abpfiff gerne noch mal 90 Minuten gespielt. Woher das kam - ich weiß es nicht.

1954 haben Fritz Walter und Sie als einzige alle Partien bestritten: immerhin sechs Spiele in 17 Tagen.

Den Fritz brauchte Herberger bestimmt in jedem Spiel. Das spricht halt auch für unser blindes Spielverständnis, dass Herberger dachte, wenn der Fritz auf den Platz geht, darf der Eckel nicht fehlen.

Heute wird jeder Schritt gezählt, Top-Laufleistungen liegen bei elf oder zwölf Kilometer in einem Spiel. Wie viel waren es bei Ihnen?

Weiß ich nicht, das wurde zu meiner Zeit nicht erfasst. Aber auf dem Fußballplatz, egal in welchem Spiel, bin ich immer die weitesten Wege gegangen. Das war meine große Stärke. Irgendwann nannten sie mich den "Windhund".

Würden Sie sich heute als Spieler in der Bundesliga oder in der Nationalmannschaft noch wohl fühlen?

Wenn ich Fußball spielen durfte, habe ich mich immer wohl gefühlt, und das wäre heute nicht anders. Wenn ich heute in dem Alter wäre, würde ich auch in der Bundesliga meine Leistung bringen.

Wie nah dran sind Sie am 1. FC Kaiserslautern?

Mit dem Herzen immer noch voll und ganz, ich verpasse kein Heimspiel. Samstagmorgens bin ich immer schon unruhig, und wenn wir verlieren, leide ich doch noch sehr mit. Ich bin immer noch hundertprozentig FCKler.

Droht der Abstieg?

Es wird sehr, sehr schwer werden. Aber ich traue der Mannschaft und unserem Trainer Marco Kurz schon den Klassenverbleib zu.

Nach Ihrer aktiven Laufbahn, Ende der 60er-Jahre, haben Sie Kunst und Sport studiert und dann zwei Jahrzehnte als Lehrer gearbeitet.

Das war der wichtigste Lebensabschnitt. Natürlich ist mir das Studium schwer gefallen. Ich war fast 40 Jahre alt, hatte Fußball gespielt, und plötzlich saß ich neben meinen viel jüngeren Kommilitonen wieder auf der Schulbank. Ohne meine Frau Hannelore, mit der ich jetzt 55 Jahre verheiratet bin, hätte ich das nie geschafft.

Sie engagieren sich seit vielen Jahren für die Sepp-Herberger-Stiftung. Dabei besuchen Sie junge Strafgefangene in den Gefängnissen, der Fußball soll zur Resozialisierung beitragen. Bringt das etwas?

Ich habe inzwischen über 100 Gefängnisbesuche hinter mir. Und ganz oft kam es zu sehr emotionalen Reaktionen. Gefangene standen auf, und schworen sich und allen Zuhörern, ihr Leben zu ändern. Das waren auch für mich bewegende Momente. Fritz Walter hatte mich damals gebeten, bei diesem Projekt mitzuhelfen. Jeder hat eine zweite Chance verdient, und wenn man mit den jungen Straftätern ernst und aufrichtig umgeht, meine ich schon, dass man sie auch erreicht.

Beim "Wunder von Bern" waren Sie Berater. Wie zufrieden sind Sie mit dem Kinofilm?

Ich wusste damals gar nicht, was auf mich zukommt. Die Zusammenarbeit mit den jungen Fußballern hat mir großen Spaß gemacht, mit vielen bin ich heute noch befreundet. 90 Prozent vom Film sind gut getroffen. Ob Sepp Herberger wirklich gegenüber der Reinemachfrau im Hotel Belvédère erstmals gesagt hat "Der Ball ist rund", bezweifele ich.

Zum Schluss: Wie gefällt Ihnen denn der aktuelle Welt- und Europameister?

Die Spanier haben schon eine sehr starke Mannschaft. Ich weiß nur nicht, ob sie aktuell noch die stärkste Mannschaft auf der Welt ist.

Weil...?

Weil wir das vielleicht inzwischen sind.

Quelle: sid

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