Drei Bommers sind bei Viktoria Aschaffenburg im Einsatz. Während Ben (13) dem Ball hinterherläuft, stehen sein Vater Björn (47) und sein Großvater Rudi (69) als Trainer am Rand und leiten ihre Spieler an - oft nach den Grundsätzen der Trainingsphilosophie Deutschland, obwohl beide an ihr auch Kritik üben. Das neue DFB-Journal hat die Bommers besucht.
Entschuldigend hebt Rudi Bommer gleich beide Arme. Seine Prognose, dass der Schütze den Elfmeter in die rechte Ecke schießen wird, erfüllt sich nicht. Mit einer kleinen Geste hatte Bommer dem Torwart bedeutet, wo er den Ball zu erwarten habe - und so war dieser in die rechte Ecke gehechtet. Der Schütze indes agierte anders, als von Rudi Bommer vorhergesagt, und schoss den Ball hart und platziert in die linke Ecke. Eigentlich kann Rudi Bommer so etwas: Die Feinheiten, kleine Signale lesen. Wie steht der Schütze zum Ball? Wie sind Körperhaltung, Fußstellung und die Neigung des Kopfes? Daraus setzt sich nicht selten ein Puzzle zusammen, das ihm verrät, welche Aktion ein Spieler ausführen wird.
"Wir werden keine Brasilianer"
In diesem Fall hat sich das Puzzle anders als erwartet zusammengesetzt und dient als Beleg: Auch Rudi Bommer kann irren. Die Bühne des Irrtums ist keine große, die Konsequenzen der Fehleinschätzung sind klein. Rudi Bommer hat Vereine in den obersten vier Ligen Deutschlands trainiert, ist häufig aufgestiegen, hat Dramen erlebt, wichtige Spiele verloren und gewonnen. Hier in Aschaffenburg, in der Heimat, bei "seiner" Viktoria, erlebt er eine seiner schönsten Stationen - im Kinder- und Jugendfußball. Und so geht es bei diesem Elfmeter nicht um wichtige Punkte, nicht um Auf- oder Abstieg. Es läuft das Abschlussspiel des letzten Trainings der Saison 2025/2026 der U 13 von Viktoria Aschaffenburg. Rudi Bommer, sechsmaliger Nationalspieler und mit 417 Bundesliga-Einsätzen einer der erfahrensten Spieler seiner Generation, ist für dieses Team gemeinsam mit seinem Sohn Björn (47) verantwortlich. Noch ein weiterer Bommer wuselt auf dem Platz herum. Aus der Perspektive des 13-jährigen Ben: Vater und Großvater sind seine Trainer.
In den vergangenen Wochen und Monaten hatte sich Rudi Bommer mehrfach kritisch zur Fußballausbildung in Deutschland geäußert und damit regional wie überregional Gehör gefunden. "Wir haben deutsche Tugenden. Warum übernehmen wir alles von anderen? Wir werden keine Brasilianer. Da können wir noch so viel trainieren, das werden wir nicht schaffen", hatte er unter anderem gesagt. Sein Sohn Björn, der im Vater-Sohn-Gespann die Rolle des Cheftrainers innehat, hingegen gilt als glühender Anhänger der Trainingsphilosophie Deutschland. Auf sein Betreiben hin gab es im Rahmen der Feierlichkeiten zum 125-jährigen Vereinsbestehen für alle interessierten Trainer des Kreises ein Schautraining und eine Fortbildung zur Trainingsphilosophie, die von Hannes Wolf durchgeführt wurde. Skeptiker trifft Anhänger - prallen innerhalb dieses innerfamiliären Trainerteams in Aschaffenburg tatsächlich zwei Philosophien, zwei Welten aufeinander?
In dieses Bild fügt sich - vermeintlich - die Sequenz des Abschlusstrainings. Geschossen und getroffen wurde der Elfmeter auf ein großes Tor, 7,32 × 2,44 Meter. Mit geweitetem Fokus ergibt sich jedoch im wörtlichen wie im übertragenen Sinn ein anderes Bild. Ins Blickfeld kommen die drei Mini-Tore, die zu Füßen der Bommers rechts, links und in der Mitte des Platzes stehen. Gespielt wird auf einer Spielfeldhälfte auf ein großes Tor und drei Mini-Tore. Überhaupt stellt sich die Situation bei einer kurzen Zeitreise an den Beginn des Trainings differenzierter dar. Der Trainingsaufbau hätte von Hannes Wolf persönlich kommen können. Während sich die Spieler zum Aufwärmen in zwei Gruppen beim "Eckchen" - 5-gegen-2 - die Bälle zuspielen und die kurzen, präzisen Hinweise Rudi Bommers ("Zwei Kontakte, ein Kontakt!") umsetzen, warten zwei Kleinfeldplätze auf ihren Einsatz.
Nach 20 Minuten ist es so weit. Zunächst wird auf einem Feld 2-gegen-2 auf jeweils zwei Tore gespielt, kurz darauf wird auch der zweite Platz in Anspruch genommen. Nun wird 3-gegen-3 gespielt beziehungsweise - mit jeweils einem Anspieler zwischen den Toren – 4-gegen-4. Den Bommers geht es um Tiefe, Passschärfe und Intensität. Das Niveau in Aschaffenburg ist hoch. Viktoria ist ein ambitionierter Verein, ein Nachwuchsleistungszentrum des Bayerischen Fußball-Verbandes, die Talente der Region sind hier versammelt.
"Wenn die Jungs einen Scheißpass gespielt haben, wissen sie das in aller Regel selbst - das müssen sie von mir nicht noch einmal hören"
Bei einigen ist das Talent so groß, dass Viktoria die Rolle des kleinen Vereins innehat. John, der beim Elfmeter falsch Geleitete, ist eigentlich Feldspieler, er wechselt zur Saison 2027/2028 in die Jugend von RB Leipzig. Ein zweiter Spieler, Levi, wird vom VfB Stuttgart beobachtet, trainiert einmal die Woche bereits dort mit. Rudi und Björn Bommer finden das zu früh, wissen aber auch, dass Vernunftargumente nicht immer helfen, wenn die Klubs der Bundesliga rufen. "Ich bin der Meinung, dass man die Kinder möglichst lange Kind sein lassen sollte. Dazu gehört für mich, dass sie sich in der Heimat entwickeln und in der Heimat Fußball spielen können", sagt Björn Bommer, während sein Vater zustimmend nickt.
Das Training leiten beide mit großer Ruhe. Sie beobachten viel, kommentieren nicht mehr als notwendig und betonen fast immer das Positive. Wenn ein Spieler den Ball frei vor dem leeren Minitor daneben schiebt, liegt der Fokus auf dem Ursprung der Situation. "Super Laufweg, super Pass - Tor egal." Beide Bommers wollen, dass ihre Spieler mutig sind, dass sie im Zweifel eher den Risikopass suchen oder ins Dribbling gehen. "Einen Sicherheitspass kann jeder spielen. Das bringt uns nicht weiter", sagt Björn Bommer. Er meint damit seine U 13 in Aschaffenburg genauso wie den Fußball in Deutschland. Also wird in Aschaffenburg mehr gelobt als kritisiert. "Wenn die Jungs einen Scheißpass gespielt haben, wissen sie das in aller Regel selbst. Da müssen sie von mir nicht noch einmal hören, dass ein Scheißpass ein Scheißpass war."
Der Spieler soll Spaß haben, das zieht sich durch die gesamte Einheit. Die Spieler sind mit großer Konzentration bei der Sache, aber es wird auch gelacht und geflachst, Fehler dürfen und sollen gemacht werden. Die Übungen der Trainingsphilosophie Deutschland sind dabei ein guter Hebel. Die entsprechenden Anleitungen auf YouTube hat Björn Bommer verfolgt, ganze Schautrainings von Hannes Wolf beobachtet und Fortbildungen absolviert. "Mich hat die Trainingsphilosophie von Beginn interessiert - gerade die Trainingsvideos sind sehr praxistaugliche Hilfen", sagt er.
Auch sein Vater findet viele der Gedanken gut, richtig und sinnvoll, auch wenn er sie nicht alle für neu hält und einige der Übungen schon aus seiner langen Vita als Spieler mit insgesamt 21 verschiedenen Trainern kennt. Dietrich Weise nennt er als Trainer, der ihn in dieser Hinsicht besonders beeinflusst hat und bei dem er intensive Spielformen mit kleinen Toren zum ersten Mal erlebt hat. Seine Kritik an der TPD ist nicht grundsätzlich, vielmehr sieht er Schwachstellen im Detail. Für ihn spielen die Kinder zu lange auf kleinem Feld, auf dem Siebenerfeld.
"Wenn ich kritisch bin, rede ich von der Spitze", sagt Rudi Bommer. "Fußball findet irgendwann auf dem großen Feld statt. Also braucht das Kind irgendwann das räumliche Denken. Was mache ich mit meinem Raum? Wie komme ich mit meinem Raum zurecht? Wo muss ich zustellen? Das will ich meinen Kindern vermitteln. Dass sie den Raum sehen und dass der Ball getimt in die Tiefe kommt. Meine Kritik besteht vor allem darin, dass wir jetzt vom Neunerfeld auf zwei Siebenerfelder zurückgehen." Und Björn Bommer ergänzt: "Unsere Kinder wollen das auch nicht. Sie haben in der vergangenen Saison das Neunerfeld kennengelernt, teilweise auch schon 11-gegen-11 gespielt. Auf 6+1 wollen sie nicht mehr zurück."
"Durch meine große Erfahrung sehe ich solche Dinge schneller als andere"
Die Mehrwerte der Trainingsphilosophie Deutschland sehen beide - und wie so häufig stimmt die Darstellung in Extremen nicht. Weder ist Björn Bommer ein bedingungsloser Unterstützer der TPD, noch ist sein Vater ihr größter Kritiker. Sogar in seiner Tätigkeit als Trainer der Fußballschule von Eintracht Frankfurt sieht das Training bei Rudi Bommer ähnlich aus wie an diesem Tag in Aschaffenburg und enthält viele Elemente der Trainingsphilosophie Deutschland. Beide Bommers haben in ihrer Kindheit als Spieler und Trainer Übungseinheiten erlebt, in denen sie mehr gestanden als gespielt haben. Genau das wollen sie den von ihnen trainierten Kindern ersparen. Björn Bommer ist sogar über diesen Missstand zum Trainerjob gekommen. Irgendwann reichte es ihm. Als er bei seinem Heimatverein am Rand stand und das Kindertraining beobachtete, als er sah, wie statisch alles war und wie wenig Aktionen die einzelnen Kinder hatten. "Das kann ich mir nicht angucken," dachte er. "Soll ich euch helfen?", fragte er. Er sollte. Er half.
Und so schloss sich an seine Karriere als Spieler und Scout, bei der er unter anderem mit Peter Neururer, Kosta Runjaic und seinem Vater arbeitete, die Laufbahn als Trainer an und ist heute Inhaber der B-Lizenz, bestanden mit Empfehlung. Von diesem Werdegang profitiert auch sein Sohn Ben. Schnell ist er, groß gewachsen, mit einem guten linken Fuß und guter Übersicht ausgestattet. Seinem Spiel kommen Räume und ein großer Platz entgegen. Gerade deswegen sind die kleinen Trainingsformen und das viele 1-gegen-1 hilfreich. "Weil er das eben nicht so gut kann und er beim Kleinfeldfußball zum Dribbling und zu vielen Aktionen mit Ball auf engem Raum gezwungen wird", sagt sein Vater. "Davon profitiert er sehr."
Im Training genießt Ben Bommer keinen Sonderstatus. Er ist ein Spieler unter vielen. Wobei sich Rudi Bommer bei der ersten Unterbrechung Zeit nimmt und ihm einen falschen Laufweg aus einigen Aktionen zuvor erklärt. Ben war seinem Ball nach einem Pass hinterhergelaufen und hatte dadurch den Raum verkleinert. "Wegziehen", "den Raum öffnen", "Überzahl schaffen" - Satzfetzen wie diese sind zu vernehmen. Wobei nicht nur Ben in den Genuss eines solchen Individualcoachings kommt. Immer wieder nimmt Rudi Bommer einzelne Spieler kurz zur Seite und gibt sehr detaillierte Hinweise. Mal ist es eine falsche Fußstellung, ein falscher Treffpunkt des Balles, dann eine falsche Körperhaltung oder fehlende Passschärfe, die er bemängelt. "Durch meine große Erfahrung sehe ich solche Dinge schneller als andere", sagt Bommer. "Und ich merke, dass die Kinder sehr dankbar für meine Hinweise sind."
TPD steigert "Niveau des Trainings"
Diese individuelle Qualität eines Trainers könne die Trainingsphilosophie Deutschland nicht ersetzen, sagt Rudi Bommer. Gerade für die Breite und die vielen kleinen Vereine sehen beide jedoch einen riesigen Mehrwert. "Wenn die Trainingsphilosophie Deutschland noch stärker in die Fläche getragen wird, steigt insbesondere das Niveau des Trainings bei den kleinen Vereinen. Und das ist ein Hebel, der genutzt werden muss, um auch an der Spitze wieder besser zu werden", sagt er. Björn ergänzt: "Genau deswegen haben wir die Fortbildung hierhergeholt. Wir haben das nicht für uns gemacht, sondern für die Trainerinnen und Trainer der Vereine auf den Dörfern. Dort wird dieses Wissen vor allem gebraucht, dort sind die typischen Vater-Trainer, die erreicht werden müssen."
Das Schlusswort soll Ben Bommer haben. Nach einer kurzen Diskussion in der Trainerkabine über Stellungsspiel und Laufwege mit seinen Vorfahren beantwortet er zwei Fragen so, wie sein Papa und sein Opa das Training zuvor geleitet hatten: Ruhig und gelassen, mit nicht mehr Worten als notwendig. "Sehr gut", ist seine Replik auf die Frage, wie das Training war. Und was hält er von den Ansätzen der Trainingsphilosophie Deutschland? "Finde ich gut. Das Training ist intensiv, fast immer mit Ball, wir haben fast keine Pausen. Es macht immer sehr viel Spaß."
Genauso also, wie es die Trainingsphilosophie Deutschland vorsieht und wie es auch Rudi und Björn Bommer für ihre Kinder in Aschaffenburg wollen.
Autor/-in: Steffen Lüdeke/DFB-Journal