Hilfe-Center

Hilfe-Center

Regionalliga

Regionalligen

Verbände

Verbände

Wenn Du dich bei unserer Community einloggst, kannst du Vereine und Mannschaften als Favoriten speichern und direkt von hier aus schnell und einfach erreichen.

Matchkalender

Begegnungen in deiner Nähe

{{typeaheadInput.text}}

* Pflichtfelder

Amateurstatistiken

Amateurkolumne |07.01.2018|16:55

Amateur-Alltag: Der normale Hallen-Wahnsinn

Auch früher wurde schon unterm Hallendach gegrätscht: Rechts Gladbachs Stefan Effenberg (am Boden) beim Hallenmasters im Januar 1995 gegen Münchens Alexander Zickler, links zwei Amateurfußballer im Duell. [Foto: Imago (2) / Collage: FUSSBALL.DE]

Grätschverbot, Zwei-Minuten-Strafe, bunte Linien auf dem Boden der Multifunktionshalle: Der Hallenfußball bringt einige Besonderheiten mit sich, mit denen der eine oder andere Kreisklassenkicker auf seine eigene kuriose Art umgeht - dies beschreibt Amateurfußballer und Buchautor Joel Grandke in einer neuen Folge seiner FUSSBALL.DE-Kolumne Amateur-Alltag.

Fußball-Weisheit #27: Im Notfall immer über Bande klären! Da klimpert’s kräftig im Phrasenschwein. Wenn Schnee und Eis allerorts die Sportplätze blockieren, schlägt die große Stunde der Hallen-Kicker. Mit einem Dach über dem Kopf wird sich bei Zimmertemperatur die langweilige Winterpause vertrieben. Es ist schon fast in Vergessenheit geraten, aber bis zur Jahrtausendwende fand der Budenzauber in Deutschland noch auf allerhöchstem Niveau statt. 1988 veranstaltete der DFB erstmals sein „Hallenmasters“, das bis 2001 eine Institution rund um den Jahreswechsel darstellte. Die Profivereine schickten dafür zeitweise ihre besten Spieler auf den Kunstrasen zwischen die Banden. Bei bis zu 18 Quali-Turnieren wurden um Punkte für das Endturnier gespielt, das DSF übertrug die Spiele über das gesamte Wochenende live. Der Titel hatte tatsächlich einen Prestige-Wert und hat den ein oder anderen Fan über die verkorkste Bundesliga-Hinrunde vertrösten können.

"Schiri, Ball gespielt!"

Die Fans liebten das schnelle Spiel, die vielen Tore und die Nähe zu den großen Stars. Beispiel: Im Januar 2001 verpflichtete Borussia Dortmund den hochveranlagten Tomás Rosicky für damals noch sehr stattliche 14,5 Millionen Euro aus Prag. Sein BVB-Debüt gab der Tscheche kurz darauf bei einem Hallenturnier. Heute wäre so etwas undenkbar. Der Grund dafür liegt auf der Hand und sorgte auch für den schrittweisen Niedergang der professionellen Budenzauber-Ära: Viel zu groß sind die Verletzungssorgen der Vereine, die über die Jahre immer mehr auf Spieler aus der zweiten oder dritten Reihe setzten. Ohne die großen Stars nahm auch das Interesse der Fans ab, sodass das Hallenmasters nach 2001 eingestampft wurde.

Heute kicken maximal noch ein paar mehr oder weniger prominent besetze Traditionsmannschaften gegeneinander an, die TV-Quoten sind entsprechend überschaubar. Anders sieht es im Amateurbereich aus. Nicht falsch verstehen: Im Fernsehen schaut sich natürlich niemand das Gestolpere der Kreisklassenkicker an, aber in den jeweiligen Regionen ist der Hallenfußball oftmals noch ein Highlight im Fußballjahr.

Eine explosive Mischung

Die Reize des Hallenfußballs und des Futsals sind auch auf diesem Niveau gleich. Auch beim kleinen „Regional-Masters“ irgendwo in der Pampa sorgt das schnelle Spiel für Unterhaltung: Es besteht kaum die Möglichkeit, den Ball mal unbedrängt in den eigenen Reihen laufen zu lassen. Auf engstem Raum geht es immer wieder ins Eins-gegen-Eins, jeder Passfehler kann sofort zum Gegentor führen. Innerhalb von ein bis zwei Minuten kann ein sicher geglaubter Sieg komplett kippen. Die Zutat der schnellen Angriffswechsel, wie man sie vom Handball oder Basketball kennt, werden in der Halle auch dem Fußball hinzugegeben. Eine explosive Mischung!

Da kommt der eine Kreisliga-Kicker besser, der andere schlechter mit klar. Technisch beschlagene Spieler, die auf dem Großfeld ohne jedes Spielverständnis so orientierungslos herumirren wie im Spiegelkabinett auf dem Jahrmarkt, können in der Halle mit ihren Dribblings plötzlich groß aufziehen. Das Regelwerk nimmt sie in Schutz. Während sie draußen spätestens nach ihrem zweiten Übersteiger vom Zwei-Meter-Abwehrhünen von den Beinen geholt worden wären, müssen diese sich in der Halle schon deutlich mehr zurückhalten. Grätschen sind hier generell verboten und eine Zwei-Minuten-Zeitstrafe führt bei nur vier Feldspielern in der Regel zum Gegentor. Okay, wir brauchen uns nichts vormachen: Im Eifer des Gefechts wird immer mal wieder ein Spieler unsanft gegen die „Bande“ (beziehungsweise eine massive Steinwand) gegrätscht. Dennoch lamentiert der Übeltäter auch hier mit reflexartiger Handbewegung ein: „Schiri, Ball gespielt!“.

Amateurspieler müssen sich im Hallen-Regelwerk scheinbar jedes Jahr aufs Neue akklimatisieren. Wenn der Keeper zum achten Mal in einem Spiel einen Abstoß über die Mittellinie geknallt hat, der jedes Mal zurückgepfiffen wird, setzt anscheinend erst ein langsamer Lernprozess ein. Die Regelkunde ist aber auch nicht so einfach: Wann ist jetzt wo genau der indirekte Freistoß? Wie viele Tore zählt es, wenn ich bei einem verunglückten Klärungsversuch den Basketballkorb an der Wand treffe? Und wie wird das Match fortgesetzt, wenn mittendrin mal wieder aus Versehen die Trennwände der Halle runterfahren? Leicht haben es die Unparteiischen in der aufgeheizten Hallenatmosphäre bei vollen Rängen jedenfalls nicht. Hinzu kommen zig verschieden bunte Linien, die in der Multifunktionshalle für alle erdenklichen Sportarten auf den Boden geklebt wurden. Da glaubt der Keeper plötzlich, dass er den Ball bis zur Basketball-Dreierlinie mit der Hand aufnehmen kann, während der Jungstürmer glaubt, er dürfte erst ab der Volleyball-Angriffslinie Tore erzielen. Hinzu kommt, dass man im Training ab dem Neunmeter-Raum nicht mehr hart schießen darf, weil es sonst unfair für den Torwart wäre. Da ist es schon schwierig für die Kicker, den Überblick zu behalten...

Der große Wurf

Da ist es nur logisch, dass in der Halle zwangsläufig kuriosen Geschichten geschrieben werden: So warf ein Keeper kürzlich bei einem regionalen Amateur-Turnier den Ball ins gegnerische Tor. Ein regulärer Treffer, weil der gegnerische Keeper den Ball vor dem Einschlag noch berührte. Hätte er den Ball ohne eigenen Kontakt passieren lassen, hätte die Bude nicht gezählt. So stand er am Ende doch da wie ein begossener Pudel – obwohl er ein Dach über dem Kopf hatte.

Falls nicht nach Futsal-Regeln gespielt wird, spielen beim Amateur-Hallenkick die Banden eine große Rolle. Technisch limitierte Spieler knallen den Ball nämlich am liebsten über die Bande weg, wenn sie in der Abwehr attackiert werden und keine direkte Anspielstation sehen. Landen diese Bälle nun alle im Seitenaus – was ja besser ist als einen kapitalen Fehlpass in die Beine des Angreifers zu spielen – kann der Gegner schon Schulterschmerzen vom ganzen Einrollen bekommen. Alternativ schießt der Verteidiger natürlich eine panische Kerze, bis der Putz von der Hallendecke bröckelt. Bis zum folgenden Freistoß kann man sich in Ruhe neu sortieren.

Während der Budenzauber im Profi-Geschäft schon längst keine Berücksichtigung mehr findet, wird im Amateurbereich noch mit Begeisterung unter Dach gespielt. Kleine Kabinettstückchen sind hier zwar seltener als technische Unzulänglichkeiten, aber es geht immer rasant auf und ab. Und hier darf auch der Top-Neuzugang, der im Winter für zwei Kisten Bier Ablöse vom Nachbarverein verpflichtet wurde, beim Hallenturnier sein umjubeltes Comeback geben. Und wenn dieser dann noch versehentlich den Ball in den Basketballkorb köpft, ist er nicht nur bei seinem neuen Club, sondern gleich in der ganzen Halle der Publikumsliebling.


Joel Grandke, Buchautor und aktiver Amateurkicker aus Hamburg, spürt in seiner wöchentlich auf FUSSBALL.DE erscheinenden Kolumne der Faszination Amateurfußball nach. Stets mit einem Augenzwinkern.

Anzeige