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Kreisliga |22.04.2018|08:00

Ex-Profi Patschinski nun Busfahrer in Hamburg

Früher war Nico Patschinski Profistürmer beim FC St. Pauli, nun fährt er mit dem Bus durch Hamburg.[Foto: Bieckmann]

Einst verdiente Nico Patschinski mit dem Fußball das große Geld. Er spielte für Vereine wie den FC St. Pauli, Dynamo Dresden und Union Berlin. Heute kickt der 41-Jährige aushilfsweise beim SC Empelde in der Kreisliga und von Beruf ist er Busfahrer.

Im Interview mit FUSSBALL.DE spricht "Patsche" über seinen kuriosen Karriereweg, seinen Mentor Hans Meyer und seine eigenen Erfahrungen als Trainer.

FUSSBALL.DE: Früher als Spieler haben Sie unter Ihrem Trikot ein T-Shirt getragen mit der Aufschrift „Wenn ich groß bin, möchte ich so werden wie mein Vater“. Nach Ihrer Profikarriere waren Sie Tellerwäscher, Disponent, Paketbote, Bestatter und jetzt Busfahrer. Wie weit sind Sie von dem Ziel, so zu werden wie Ihr Vater, aktuell noch entfernt?

Nico Patschinski: (lacht) Menschlich bin ich gar nicht mehr so weit davon entfernt, aber beruflich schon. Ich glaube mein Vater hat bloß einen Job im Leben gehabt. Er war bei der Senatsverwaltung für Schule und Sport in Berlin und hat dort das Sportforum geleitet, in dem die Eisbären Berlin früher Eishockey gespielt haben. Das war eigentlich als Kind auch schon immer mein Traumjob. Rein berufstechnisch bin ich heute meilenweit von ihm entfernt, aber nicht unglücklich. Und er ist darüber glaube ich auch nicht unglücklich. Solange es vernünftig und legal ist, ist er immer schon ganz zufrieden. Wenn ich jetzt irgendwie, ich übertreibs mal, Drogenhändler oder Puffbesitzer wäre, dann wäre er sicherlich nicht ganz so stolz oder zufrieden, wie er jetzt ist.

"Im Amateurbereich geht es ja nicht um Arbeitsplätze. Du spielst wirklich just for fun"

Wie beurteilen Sie denn generell Ihren kuriosen Weg nach der Profikarriere?

Patschinski: So ein bisschen wie meine Fußballkarriere. Eigentlich war das fast schon ein bisschen zu viel Wechselei. Aber ich habe mich, mit einer Ausnahme beim Job des Disponenten, eigentlich immer wohlgefühlt. Es haben jedoch immer andere Umstände dazu geführt, dass ich dann den Job gewechselt habe. Ich bin auf der einen Seite traurig darüber, dass ich nirgendwo ein bisschen länger geblieben bin oder sogar jetzt noch da bin. Aber auf der anderen Seite ist es auch ganz schön, viele Seiten zu sehen. Wenn man 13 Jahre bei einem Verein bleibt, dann hat man nie etwas Anderes gesehen. Wenn man aber bei 13 Vereinen gespielt hat, dann hat man viel gesehen und aufgenommen. Man weiß, was gut, was schlecht und was anders ist. Und so ist das im Berufsleben auch. Aber irgendwann reicht es auch mal mit der Wechselei. Ich hoffe, dass ich jetzt nicht mehr den Job wechseln muss.

Zumindest auf dem Blatt Papier sieht das schon gut aus. Sie haben einen unbefristeten Vertrag erhalten.

Patschinski: Ja, das war für mich die Bedingung, nachdem es vorher dreimal genau andersherum lief. Dann sagt man sich schon, „es wäre schon schön, wenn ich einen Job auch mal länger als zwei Jahre machen könnte“.

Wie lief denn Ihre allererste Fahrt?

Patschinski: Also das erste Mal fährst du ja in der Fahrschule. Da sitzt ja noch ein Fahrlehrer daneben und du kannst keinen Fehler machen. Und auf der Linie war ich zunächst zusammen mit Lehrfahrer Stefan Biesterfeldt unterwegs. Doch das ist dann schon spannend das erste Mal mit Gästen, das ist dann schon ein ganz anderes Fahren.

Zitterten Ihnen dabei die Hände?

Patschinski: Ne, du hast bestimmt einen höheren Puls. Klar, das wäre ja auch schlimm, wenn es nicht so wäre. Aber das ist jetzt nicht so, dass du nervös bist. Du hörst immer, dass du ganz viele Aufgaben auf einmal hast, und du denkst, das kriegst du hin. Aber dann musst du die Tür zu machen, dann musst du eine Fahrkarte verkaufen. Da wird dir erst einmal bewusst, wie gut die Jungs das machen, die hier schon seit vielen Jahren fahren. Da kann man nicht sagen ‚Der kann nur geradeaus fahren’. Da musst du schon ein bisschen weiter über den Tellerrand hinausgucken. Das ist spannend, aber auch eine Herausforderung.

Eine der Linien, die Sie fahren, bringt die Fans des Hamburger SV an Spieltagen zum Volksparkstadion. Wann werden Sie das erste Mal die Fans zum Stadion kutschieren?

Patschinski: Es gibt bei uns auf dem Hof viele HSV-Fans. Es ist besser, wenn die den Shuttle übernehmen. Ich glaube nicht, dass da jemand scharf drauf ist, dass ich diesen Bus fahre. Deshalb melde ich mich da auch nicht und sage, dass ich den Bus unbedingt fahren muss.

Beim Stadtrivalen des Hamburger SV, dem FC St. Pauli, wurden Sie damals zum Helden. Vor 16 Jahren bezwangen Sie mit dem Kiezclub die Bayern. Mit einem Treffer hatten Sie gehörigen Anteil daran, dass St. Pauli zum berühmt berüchtigten Weltpokalsiegerbesieger wurde. Beschreiben Sie doch mal, wie Sie sich damals gefühlt haben, als Sie Oliver Kahn bezwungen und zum 2:0 getroffen haben.

Patschinski: Ich wurde schon oft auf dieses Tor angesprochen und immer versuche ich mich, an diesen Moment zurückzuerinnern. Wie soll man das beschreiben? Du weißt in etwa eine Hundertstelsekunde vorher, dass da jetzt eventuell ein Tor passieren könnte. Der Ball tickt auf und du machst ihn rein. In dem Moment sinkt dein IQ auf das Niveau eines Toastbrots und du rennst einfach nur drauf los und versuchst, Luft zu bekommen. Während des Loslaufens überlegst du dir, was du jetzt eigentlich machst. Und dann freust du dich einfach nur. Das Schlimmste ist eigentlich die Minute nach dem Tor, weil du eine Schnappatmung und Seitenstiche hast und dir dein ganzer Körper wehtut. Ich vergleiche das immer mit Mann und Frau. Das ist ungefähr so, als wenn du das erste Mal mit einer Frau schläfst. Ein anderer Vergleich würde mir nicht einfallen. Das ist nicht mit der Geburt eines Kindes zu vergleichen, das wäre jetzt übertrieben. Wie cool das Tor war, wird dir erst fünf Stunden später oder den Tag danach bewusst.

Ihr Tor gegen die Bayern war sicherlich eines der größten Momente Ihrer Karriere. Woran erinnern Sie sich noch gerne zurück?

Patschinski: Eigentlich blickt man bei jeder Station auf irgendetwas Schönes und irgendetwas nicht so Schönes zurück. Am liebsten blicke ich – St. Pauli mal ausgenommen –nach Trier zurück, weil es eine tolle Stadt mit tollen Menschen ist und ich dort eine Bombenzeit hatte. Nur das war echt ein tragisches Ende, weil wir mit einem Tor zu wenig aus der zweiten Bundesliga abgestiegen sind. Das tut mir heute noch weh, da bin ich ganz ehrlich. Also wenn ich mir jetzt DVDs angucke, „Best of Patsche – 1000 Tore“, dann kann ich mir den letzten Spieltag nicht angucken. Da mache ich dann aus. Das kriege ich nicht gebacken. Das war schon echt bitter und das nehme ich auch mit ins Grab.

Beschäftigen Sie sich denn heute noch regelmäßig mit der zweiten Bundesliga?

Patschinski: Ja, für das Portal Liga-zwei.de schreibe ich noch regelmäßig meine Kolumne „Aus der Patsche“ . Dafür muss ich mich dann immer mit den aktuellen Geschehnissen auseinandersetzen. Das macht Spaß und man wird ja nicht dümmer davon. Ich habe früher auch schon für St. Pauli Kolumnen geschrieben. Die waren immer witzig oder sollten witzig sein.

Sie haben neben vielen Vereinen auch viele Trainer kennengelernt. 1994 bei Union Berlin unter anderem Hans Meyer. Ihm schenkten Sie bei einem Wiedersehen mal ein Glas Schokoladenaufstrich. War das der Trainer, der Sie am meisten geprägt hat?

Patschinski: Ja, das würde ich schon sagen. Frank Pagelsdorf und vor allem Hans Meyer. Man wird ja vor allem in jungen Jahren geprägt. Mit 25 Jahren braucht dir keiner mehr zu sagen, wie du das Fußballspiel machen sollst. Hans Meyer hat damals schon einen coolen Humor gehabt, er ist nun einmal ein Ossi. Diese Strenge und sein Talent, das irgendwie noch humoristisch rüberzubringen, das war ganz toll. Ich glaube auch, dass ich ohne ihn nicht da wäre, wo ich jetzt am Ende auch irgendwo mal war. Er hat mir in meinem jungen Alter ganz gutgetan. Ich konnte bei ihm sehr viel lernen. Ich war damals eigentlich noch in der A-Jugend und Meyer hat mich schon hochgezogen und spielen lassen. Entweder hat dich Hans Meyer gemocht oder er hat dich gehasst. Es gibt bei ihm kein Zwischending. Wir sind heute noch in Kontakt. Wir telefonieren regelmäßig und wenn wir uns sehen, dann freuen wir uns. Das ist immer ganz toll.

Mit 41 Jahren schnüren Sie heute noch sporadisch Ihre Fußballschuhe für den Kreisligisten SC Empelde. Wie kam es dazu?

Patschinski: Angefangen hat alles im Winter vor zwei Jahren als Freundschaftsdienst für den Trainer Karsten Poerz. Er hatte mir geholfen und im Gegenzug habe ich für ihn Fußball gespielt und dafür gesorgt, dass alle ein bisschen auf Empelde geguckt haben. Mir wurden die Zugtickets immer gestellt, dass ich da von Hamburg aus hinfahren konnte und dann habe ich da gespielt. Das war ein Deal unter Männern und für beide Seiten eine Win-Win-Situation.

Zuletzt standen Sie dort nur noch selten im Kader. Fehlte Ihnen die Zeit?

Patschinski: Genau. Bei mir hat sich alles zeitlich ein bisschen verschoben, weil ich am Wochenende jetzt auch häufiger mal Dienst habe. Aber ich werde auf jeden Fall in dieser Saison noch einmal für den SC Empelde auflaufen. Definitiv. Das habe ich dem Trainer versprochen und das werden wir auch hinkriegen.

Wie lange wollen Sie denn noch kicken?

Patschinski: Es ist jetzt ein ganz guter Zeitpunkt zum Aufhören. Ich habe ja mehr oder weniger schon aufgehört. Für ein Spiel oder so werde ich nochmal für Empelde auflaufen, aber dann ist gut. Das ist dann nochmal ein letztes Dankeschön und dann ist alles schick.

Ein Patschinski-Abschiedsspiel wird es also nicht geben?

Patschinski: Ne, das muss und will ich auch nicht haben. Wenn ich Abschiedsspiele im Fernsehen sehe, dann hat das immer so ein bisschen was von Fremdschämen. Es sei denn, es sind die ganz Großen und selbst die sind schon grenzwertig. Dann mache ich lieber einen Abschiedsabend. Wenn ich wirklich ein paar alte Weggefährten einladen würde, dann würde ich mich lieber irgendwo in eine Kneipe setzen mit 30 Mann und alte Geschichten erzählen. Aber ich brauche da nicht noch ein Fußballspiel, wo vielleicht im 20.000-Mann-Stadion 2.000 Leute kommen. Wenn überhaupt so viele kommen würden.

Eine Trainer-Karriere kommt für Sie auch nicht in Frage, weil Sie nach eigenen Aussagen nicht neutral bleiben könnten. Beim Kreisklassisten FC Schnelsen sind Sie dennoch mal in die Rolle des Spielertrainers geschlüpft. Wie war das?

Patschinski: Als Spielertrainer war ich ja mehr Spieler als Trainer. Aber ich habe das da auch zeitweilig gemerkt, dass ich nach Sympathie aufgestellt habe. Die Spieler mussten mich nicht „Herr Patschinski“ nennen. Entweder haben Sie mich „Patsche“ oder Trainer genannt. Aber ich hatte Schwierigkeiten mit der sozialen Kompetenz einiger Spieler. Die haben dann auch mal zu mir „Ey Digga“ gesagt. Mit „Digga“ wollte ich nicht angesprochen werden. Das ist nicht so meine Welt. Und da habe ich auch gemerkt, dass es die richtige Entscheidung war, langfristig nicht Trainer zu werden. Deswegen habe ich es auch relativ schnell beendet, weil ich das einfach nicht wollte. Also dann wäre ich lieber Platzwart oder Zeugwart geworden.

Sie haben jetzt sowohl den Amateur- als auch den Profifußball erlebt. Wenn Sie beides miteinander vergleichen und die Bezahlung dabei nicht die primäre Rolle spielt. Was hat Ihnen besser gefallen?

Patschinski: Im Amateurbereich geht es ja nicht um Arbeitsplätze. Du spielst wirklich just for fun. Und du hast nicht diesen Druck. Du hast sicherlich mal ein wichtiges Spiel oder es geht um was, und wenn es nur von Dorf zu Dorf ist. Der Amateurfußball ist familiärer. Die Truppe hält wahrscheinlich mehr zusammen. Jeder kennt jeden. Die Zuschauer kannst du per Handschlag begrüßen. Das macht diesen Charme aus. Dass du danach auch mit einem Kasten Bier auf dem Spielfeld sitzen und dabei eine Wurst essen kannst. Das stört keinen. Das gehört sogar dazu. Und das ist das Schöne. Ich will nicht sagen, dass das früher im bezahlten Fußball genauso war, so war es vielleicht nicht, aber der Fußball war für den Fan damals noch greifbarer. Das ist heutzutage komplett weg. Das finde ich schade. Der Amateurfußball ist gemütlicher, uriger. Ich glaube, wenn das Geld nicht wäre, dann würde wahrscheinlich jeder Profi lieber im Amateurfußball spielen. Ich möchte als Fußballprofi von damals nicht mit der Zeit von heute tauschen. Heute ist mir das alles zu öffentlich. Aber gut, dafür verdienst du auch mehr. Aber dann bin ich lieber Busfahrer, ganz ehrlich.

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