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Aufgelöster Berliner Amateurklub |10.03.2016|11:40

Ex-Zweitligist Spandau lebt in Afrika weiter

Das Team Strand aus Diannah im Senegal trägt die rot-weißen Trikots des Spandauer SV. [Foto: privat]

Zwei Mal Berliner Meister, fünf Mal Pokalsieger: Traditionsklub Spandauer SV war weit mehr als nur der bis heute erfolgloseste Zweitliga-Klub Deutschlands. 2014 war er dann insolvent und ist aus dem Vereinsregister gelöscht worden - die rot-weißen SSV-Trikots aber sind heutzutage im Senegal zu sehen. Wie es dazu kam, ist ziemlich kurios.

Diannah ist ein Ort im Westen Senegals mit etwa 3000 Einwohnern, nah an der Grenze zu Gambia. Die nächste große Stadt Ziguinchor liegt 100 Kilometer entfernt. Der dortige Klub Casa Sports ist in der senegalesischen Premier League beheimatet. Aber auch in Diannah wird regelmäßig Fußball mit festen Mannschaften gespielt. Ohne organisierte Liga, ohne Trainer, meist auf Wiesen oder staubigem Untergrund mit zwei Toren. Und ohne einheitliche Trikots. Beim Team Strand, das aus einem Teil Diannahs kommt, der direkt am Atlantik liegt, ist das anders. Die Spieler tragen inzwischen Trikots vom nicht mehr existierenden Spandauer SV. Einem Berliner Traditionsklub, der es Mitte der 70er Jahre sogar in die 2. Liga geschafft hatte.

"Es gab keine Verwendung mehr für die Trikots. Also habe ich im letzten Jahr angefragt, ob die vielleicht für das Team in Diannah gespendet werden können"

Eine richtige Vereinsstruktur gibt es im Senegal auf dem Land nicht, dafür aber selbst in den kleinsten Dörfern oft mehrere Teams. Da spielt Team Strand gegen Team Garage, benannt nach dem Halteplatz der Ferntaxis, oder gegen Team Diola-Kunda, ein Viertel, in dem viele Bewohner der Ethnie Diola leben. Manchmal finden auch Partien einer Auswahl Diannahs gegen benachbarte Dörfer und Turniere mit kleinen Preisgeldern statt.

Von Diannah in der Region Casamance bis zur Neuendorfer Straße in Berlin-Spandau sind es 6442 Kilometer. 71 Stunden Fahrtzeit errechnet Google Maps, inklusive Fährpassage von Spanien nach Marokko. Realistischer ist die Bewältigung der Strecke mit dem Flugzeug. Bis Banjul in Gambia und dann knapp 90 Kilometer nach Süden. In der Neuendorfer Straße hat früher der Spandauer SV gespielt. Fast 75 Jahre auf dem alten Platz, nach dessen Abriss ein paar Hundert Meter weiter. Mehrere Jahrzehnte als Fan dabei war Manfred vom Fanclub "Tritonen". Rund um den SSV war er schlicht Manni, so möchte er auch hier genannt werden. Den 54-Jährigen drängt es nicht in den Vordergrund. Doch ohne sein Engagement hätten die bestens erhaltenen Trikots wohl auf unabsehbare Zeit in einem Keller gelegen.

Mannis Bruder Detlef ist mit einer Senegalesin verheiratet. Sie leben in Niedersachsen, Detlef ist oft im Senegal. Weihnachten 2014 war auch Manni dort, hat Spieler des Teams aus den Strand-Viertel kennengelernt und die Fußball-Begeisterung mitbekommen. Neben dem senegalesischen Ringen ist Fußball Nationalsport im westafrikanischen Land, bei der WM 2002 stand das Nationalteam im Viertelfinale.

Der SSV hatte sich Ende 2014 aus finanziellen Gründen vom Spielbetrieb abgemeldet, wenige Wochen nach den Feierlichkeiten zum 120. Geburtstag. Zwei Mal Berliner Meister, fünf Mal Pokalsieger, ein großer Name im Berliner Fußball ist inzwischen aus dem Vereinsregister gelöscht worden. Der SSV war weit mehr als nur der bis heute erfolgloseste Zweitliga-Klub Deutschlands (zwei Siege, vier Unentschieden, 32 Niederlagen in der Saison 1975/76). Er reiht sich ein in die traurige Liste von Traditionsklubs, die von der deutschen Fußball-Landkarte verschwunden sind. 20.000 Euro fehlten zur Durchführung einer geregelten Insolvenz.

„Es gab keine Verwendung mehr für die Trikots. Also habe ich im letzten Jahr angefragt, ob die vielleicht für das Team in Diannah gespendet werden können“, sagt Manni, der seit dem Ende des SSV vor 15 Monaten erst einmal wieder in einem Stadion war.

Einige Zeit nach seiner Anfrage bekam er vier komplette Sätze inklusive Hosen und Stutzen ausgehändigt. Diese lagerten im Keller von Gerd Torgeler, der mehr als 40 Jahre unter anderem Schriftführer, Hauptkassierer und Stadionsprecher beim SSV war. „So konnten wir mit den Trikots wenigstens noch etwas Gutes tun“, sagt Torgeler, der nach eigener Aussage mit dem traurigen Niedergang des Vereins „abgeschlossen“ hat. Auf der Webseite scheint die Zeit stehengeblieben zu sein: Der veröffentlichte Eröffnungsbeschluss des Insolvenzverfahrens stammt vom 18. Dezember 2014, daneben steht immer noch der Aufruf „Rettet den SSV“ sowie die Tabelle zum Zeitpunkt des Rückzugs: Der Spandauer SV ist dort mit null Punkten Letzter der Landesliga.

Im Spätherbst 2015 nahm Mannis Bruder Detlef den ersten Trikotsatz im Flugzeug mit in den Senegal, die anderen Hemden sind in einer Scheune zwischengelagert und sollen demnächst in einem Container transportiert werden. „Die Jungs haben sich riesig gefreut“, sagt Manni. Einer habe das rote Trikot mit den charakteristischen weißen Buchstaben SSV sogar schon in der örtlichen Disco angezogen.

Zurzeit finden wenig Spiele statt, da bis kurz vor Einbruch der Dunkelheit über 35 Grad herrschen, Flutlicht ist nicht vorhanden. Aber einige Partien mit der neuen Ausrüstung gegen Gegner aus dem Dorf gab es schon. Das Trikot-Debüt endete 1:2. „Passt ja zum SSV“, sagt Manni mit einem etwas bitteren Lachen: „Die haben zum Schluss auch meist verloren.“

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