
05.11.2011, 15:08 Uhr
Das Interview führte Björn Wannhoff
Das Thema Spielabbrüche bewegt die FUSSBALL.DE-Leser, wie wir in unserer Community festgestellt haben. Wann ist es zu gefährlich, ein Spiel weiterzuführen? Wie eng ist der zeitliche Rahmen bei Unterbrechungen gefasst? Was sollte der Schiedsrichter auf jeden Fall beachten?
Im Regelwerk des DFB steht dazu in der Regel fünf, dass der Schiedsrichter bei gefährlichen Witterungsverhältnissen eine Partie unterbrechen. Außerdem soll die Unterbrechung 30 Minuten eigentlich nicht überschreiten, aber gleichzeitig soll großzügig mit dem Rahmen umgegangen werden. Passt das zusammen? FUSSBALL.DE hat bei Bundesliga-Schiedsrichter Dr. Jochen Drees nachgefragt.
Herr Dr. Drees, sie können als Experte in puncto witterungsbedingte Spielabbrüche gelten, immerhin sind Sie der einzige Bundesligaschiedsrichter, der je eine Partie wegen Regens abbrechen musste.
Dr. Jochen Drees: (lacht) Das ist richtig, bei der Partie vor drei Jahren (1. FC Nürnberg gegen VfL Wolfsburg am 11. April 2008, Anm. der Redaktion) musste ich das Spiel abbrechen. Zuvor gab es meines Wissens nach nur einmal einen Abbruch wegen Nebels.
Bei der Spielweiterführung steht im Regelwerk, der Schiedsrichter soll großzügig mit den 30 Minuten verfahren. Was verstehen sie darunter?
Grundsätzlich muss man sagen, dass die 30 Minuten immer eine Orientierung bedeuten und nicht als fest verankerter Zeitrahmen zu verstehen sind. Wenn man nach 31 Minuten wieder spielen kann, kann sich also keiner auf das Regelwerk berufen. Letzten Endes ist es eine Ermessensentscheidung des Schiedsrichters. Das kann natürlich zu Diskussionen führen.
Wie treffen Sie in so einem Fall Ihre Entscheidung?
Im Vordergrund muss von Seiten des Schiedsrichters immer die Durchführung der Partie stehen. Das ist immer der oberste Gedanke. Wir sind dazu angehalten, alle Mittel auszuschöpfen, um das Spiel unter regulären Bedingungen durchzuführen. Das steht über allem. Dann spielt nicht die entscheidende Rolle, ob ich zehn Minuten, 45 Minuten oder auch eine Stunde unterbrechen muss. Wenn ich der Meinung bin, dass die Partie erst dann durchgeführt werden kann, muss ichden Rahmen ausschöpfen.
Da entsteht natürlich auch ein grauer Bereich. Aber man muss sich dann natürlich fragen, ob es Sinn macht, wenn erst eine halbe Stunde gespielt ist, die Spieler eine Stunde reinzuschicken und dann weiterzumachen. In diesem Fall ist es wohl sinnvoller zu sagen, jetzt bricht man die Partie ganz ab. Das ist eine Sache, die dann aber auch immer in Absprache mit den Trainern und Spielern beider Mannschaften passiert. Da gibt es keinen Schiedsrichter, der sagt: "Ich entscheide das alleine, alles andere interessiert mich nicht."
Aber sind da nicht Probleme vorprogrammiert? Man kann sich sehr gut vorstellen, dass da die beiden Mannschaften zu unterschiedlichen Beurteilungen der Situation kommen.
Natürlich gibt es immer wieder Interessenskonflikte. Damals in Nürnberg hat auch ein Team geführt. Wenn dann der Trainer der Mannschaft, die im Rückstand ist, merkt: "Heute läuft es nicht so", dann ist er natürlich nicht traurig, wenn die Partie abgebrochen wird. Umgekehrt sagt die Mannschaft, die führt – in dem Fall der 1. FC Nürnberg – "Wir machen auf jeden Fall weiter". Diese Schwierigkeit haben sie natürlich. Das ist ein Fall, in dem sich der Schiedsrichter frei machen und allein zu einer Entscheidung kommen muss. Aber wichtig ist dabei, dass der Schiedsrichter transparent agiert und seine Argumente offenlegt.
Ist es also so zu verstehen, dass ein Schiedsrichter immer einen Spielraum hat?
Natürlich, denn man kann vom Regelwerk nicht erwarten, dass alle wettermäßigen Fälle exakt abgedeckt werden. Daher ist es zwingend notwendig, dem Mann oder der Frau vor Ort die Entscheidung zu überlassen. Man muss an den Schiedsrichter appellieren, dass er mit einem vernünftigen Sachverstand an die Sache herangeht. Für mich ist immer das entscheidende Kriterium: Besteht eine Gefährdung der Gesundheit der Spieler? Natürlich sind Gewitter oder ein vereistes Spielfeld als Gefahrenquelle zu nennen. Es gibt so viele verschiedene Hartplätze oder Kunstrasen, lokale Gegebenheiten, Orte, an denen sich ein Gewitter gerne mal festsetzt, oder auch die Uhrzeit kann eine Rolle spielen. Entsprechend sind die 30 Minuten nicht als festes Dogma zu verstehen.
Sind Schiedsrichter also auch Hobby-Meteorologen?
(lacht) Nein, ich kümmere mich normalerweise eigentlich nicht besonders um das Wetter und schaue mir auch den Wetterbericht nicht so genau an. Ich prüfe immer erst vor Ort, ob das Wetter einen Einfluss auf das Spiel haben kann.
Würden Sie in Beurteilung der Situation einen Unterschied zwischen Berufsfußballern und Amateur-Kickern, die ja zumeist einer regulären Beschäftigung nachgehen, machen?
Das ist ganz klar so. Wenn in der Bezirksklasse die Witterungsbedingungen die Spieler gefährden könnten, würde ich im Zweifelsfall immer dazu raten, dass Spiel abzubrechen. Man muss auch ganz klar sehen, dass man diese Spiele wochentags ohne großen Aufwand nachholen kann. Es ist ja klar, wenn sich da einer auf so einem Platz das Kreuzband reißt und dann wochenlang nicht zur Arbeit gehen kann, dann sind das sehr ernste Konsequenzen.
Im Bundesligabereich verspürt man da einen viel höheren Druck zur Durchführung, weil der Spielplan so eng gefasst ist. Mit all den Länderspielen und internationalen Partien kann das große Auswirkungen haben. Deshalb kann es in der Realität so sein, dass die gleichen Bedingungen im Amateur- und Profibereich zu unterschiedlichen Beurteilungen durch den Schiedsrichter kommen.
In den Regeln steht auch, dass der Schiedsrichter bei besonders kalten Temperaturen auf eine angemessene Bekleidung der Spieler achten soll.
Es ist schon manchmal interessant, was alles in den Regeln steht. Aber so ein Fall ist mir noch nicht untergekommen. Das obliegt dem Spieler natürlich selbst. Wenn einer bei minus 15 Grad kurzärmlig spielen will, dann soll er das machen. Da sind die Spieler alt genug, das selbst zu entscheiden.
Sind jetzt noch Fragen offen? Diskutiert mit in unserer Community!
Quelle: FUSSBALL.DE
Fans sollen über weiteres Vorgehen entscheiden.
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