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Eigene Abteilung|05.05.2017|16:00

So geht Integration: Fußball als Therapie!

Unsere Kultfigur der Woche: Jörg Mielers vom westfälischen Kirchhörder SC 58 setzt sich sehr für die Integration von behinderten Menschen ein. [Foto: Bunse (2) / Collage: FUSSBALL.DE]

Viel mehr Dortmund geht nicht. Das Vereinsgelände des Kirchhörder SC 58 liegt nicht weit vom Signal Iduna Park entfernt – und nur einen Steinwurf vom Wohnhaus des DFB-Vizepräsidenten und DFL-Präsidenten Dr. Reinhard Rauball, seines Zeichens auch Präsident von Borussia Dortmund. Kein Wunder also, dass neben Rot und Weiß, den Vereinsfarben des Westfalenligisten, beim Training auf dem Sportplatz an der Kobbendelle vor allem schwarz und gelb dominieren. Als Anhänger des FC Schalke 04 fällt Jörg Mielers in diesem Ambiente naturgemäß aus dem Rahmen.

Wenn wir ihn wegen seiner vorbildlichen Integrationsarbeit zur FUSSBALL.DE- Kultfigur der Woche küren, liegt das aber nicht daran, dass er es geschafft hat, sich unter all den BVB-Anhängern um ihn herum zurecht zu finden. Der Sportliche Leiter des KSC 58 hatte vielmehr einen genialen Plan, der weit über die üblichen Frotzeleien zwischen den beiden Revierrivalen hinaus geht. Seit Beginn der Saison 2016/17 verfügt der Kirchhörder SC 58 nämlich über eine eigene Behindertenabteilung. Zwei Fußballmannschaften der nahe gelegenen Werkstätten Gottessegen wurden zu Saisonbeginn in den KSC 58 integriert. Das ist so ziemlich einmalig in Deutschland. „Unser Ziel ist es, die überwiegend geistig behinderten Menschen ganz selbstverständlich an unserem Vereinsleben teilhaben zu lassen“, verdeutlicht Mielers.

"Toiletten, Zuwegungen. Es war sowieso alles veraltet. Wir machen jetzt alles neu, damit wir wirklich zusammenwachsen und sich alle wohl fühlen können"

Die Idee kam ihm bei einem Besuch der benachbarten Werkstätten für Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung. „Ich war schwer beeindruckt, was die Menschen dort leisten“, sagt Mielers. Und damit meint er nicht nur die vielen engagierten Betreuer und Helfer, sondern vor allem die Beschäftigten, die trotz ihrer Handicaps in dem geschützten Rahmen ihrer Arbeit nachgehen. Spontan entschied sich die Vereinsführung des KSC 58 ihre Trikots dort in der hauseigenen Wäscherei reinigen zu lassen. Dabei sollte es nicht bleiben.

Die sozialtherapeutischen Werkstätten sind ein Bestandteil des Christopherus-Haus e.V. und wurden im Jahre 1973 auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Gottessegen in Dortmund gegründet. 540 Menschen mit Behinderungen sind an vier Standorten in Dortmund und Bochum in verschiedenen Berufsfeldern in den Werkstätten Gottessegen beschäftigt.

Und freitagmittags, nachdem das Wochenwerk vollbracht ist, wird zwei Stunden mit großer Begeisterung gekickt. Fußball als Therapieangebot. Seit vielen Jahren gibt es dieses feste Ritual für bis zu 30 Beschäftigte. Ab in den Bus und raus auf den Sportplatz des Kirchhörder SC 58. Dabei spielt es keine Rolle, welche körperlichen oder fußballerischen Voraussetzungen die Spieler im Alter von 15 bis 40 Jahren mitbringen. Der Spaß und die Förderung sozialer Kompetenzen stehen im Vordergrund.

„Ich war einige Mal beim Training dabei und habe gesehen, mit welcher Leidenschaft die Jungs bei der Sache sind“, kommt nun Mielers wieder ins Spiel. Der 52-Jährige schlug dem Vorstand vor, die Spieler in den Verein aufzunehmen, um sie so noch enger am Vereinsleben teilhaben zu lassen. Gelebte Inklusion. „Seit einigen Monaten nehmen nun zwei Mannschaften als eigene Abteilung des Kirchhörder SC 58 an Turnieren oder demnächst auch am Ligabetrieb für geistig behinderte Menschen teil“, berichtet Mielers stolz. Selbstverständlich tragen sie dabei auch die offiziellen Trikots des Vereins.

Der Stolz über dieses tolle Projekt ist auf beiden Seiten zu spüren. Leuchtende Augen sind garantiert, wenn wieder einmal ein Artikel über ein Spiel auf der Vereinshomepage zu lesen ist oder lautstarke Unterstützung bei den Spielen aus dem eigenen Verein anreist. „Wir profitieren gegenseitig voneinander“, ist Mielers überzeugt. „Gerade für die Entwicklung unserer gesunden Spieler aus den Nachwuchsmannschaften ist es von enormer Bedeutung, den Umgang mit behinderten Menschen vorurteilsfrei zu erlernen und zu erleben.“ Aktuell wird für die Jugendabteilung ein gemeinsamer Besuch der Werkstätten geplant, um weitere Berührungsängste abzubauen.

Ziel: Gemeinsame Weihnachtsfeier

Doch dabei soll es nicht bleiben. Der Vorstand des Kirchhörder SC 58 hat mit Mielers zusammen beschlossen, dass das gesamte Vereinshaus barrierefrei umgestaltet wird. Wenn schon, denn schon. „Darüber hat man sich ja vorher gar keine Gedanken gemacht“, nickt der Dortmunder. „Toiletten, Zuwegungen. Es war sowieso alles veraltet. Wir machen jetzt alles neu, damit wir wirklich zusammenwachsen und sich alle wohl fühlen können.“ Der Rohbau steht bereits. Das große Ziel ist im Dezember die erste gemeinsame Weihnachtsfeier für behinderte und nichtbehinderte Spielern auszurichten.

Und dann kann der Ex-Profi Mielers, heute als Finanzbeamter tätig, auch wieder die alte Geschichte rausholen, wie er als gebürtiger Dortmunder zum Schalker wurde. Als Bezirksligaspieler wurde er 1987 nach einem Probetraining vom damaligen Präsidenten Günter Siebert vom Fleck weg verpflichtet. „Morgen gehst du nicht mehr arbeiten, sondern erscheinst hier pünktlich um zehn Uhr zum Training“, erinnert sich Mielers an Sieberts Worte. Und fügt schmunzelnd hinzu: „Eigentlich sollte ich im folgenden Sommer zum BVB wechseln, aber der S04 war einfach schneller.“ Olaf Thon, der ihn aus der Jugendauswahl kannte, hatte ihn angerufen und von den Knappen überzeugt.

In der folgenden Saison 1987/88 absolvierte Mielers drei Bundesligaspiele für Schalke 04 und stieg mit dem Club aus der Bundesliga ab. Es sollten seine einzigen Partien im Oberhaus bleiben. Größen wie Thon oder Harald „Toni“ Schumacher verließen den Verein. In der zweiten Liga erarbeitete sich der Abwehrspieler zwar sofort einen Stammplatz und wurde bereits als Thons Nachfolger gehandelt. Doch die Zeiten waren hart. Auf Schalke tobte der Existenzkampf gegen den neuerlichen Abstieg in die Bedeutungslosigkeit der Oberliga. Mielers, den RevierSport mal als "vermeintlichen Nachfolger von Olaf Thon" bezeichnete, zog sich eine folgenschwere Knieverletzung zu, von der er sich nie wieder erholte.

Trotz Warnungen der Ärzte ging er immer wieder über die Schmerzgrenze, um den S04 zu retten und musste 1989 seine Karriere im Alter von 24 Jahren wegen Sportinvalidität beenden. „Ich habe viel Pech gehabt“, nickt Mielers. Aber: „ Andererseits durfte ich auch für diesen einzigartigen Verein auflaufen. Man sagt ja: Einmal Schalker, immer Schalker. Das trifft auch auf mich zu. Und dazu stehe ich auch. Auch – oder gerade in Dortmund.“ Mit dem Thema Integration kennt sich der Mann eben bestens aus.

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