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Kultfigur |25.03.2016|12:30

Kultmasseur Reinhardt knetet seit 50 Jahren

Die treue Seele der Spvgg Erkenschwick Günter Reinhardt war mit seinem Team einst im Jahr 1975 auch beim FC St. Pauli zu Gast. Reinhardt sitzt ganz rechts auf der Bank. [Foto: Bunse, privat / Collage: FUSSBALL.DE]

Geburtsort: Erkenschwick, Wohnort seitdem: Oer-Erkenschwick, Fußballverein: Spvgg Erkenschwick. Alter: 78 Jahre. Funktion: Masseur. Und das seit dem 1. Juli 1966! Wenn die traditionsreiche Spvgg Erkenschwick im Sommer ihr 100-jähriges Bestehen feiert, ist das auch für Günter Reinhardt ein ganz besonderer Tag. Denn niemand kennt den Verein aus dem nördlichen Ruhrgebiet so gut wie er. Reinhardt ist unsere Kultfigur der Woche.

"Das macht mich traurig: Die Jungs spielen guten Fußball und kaum einer guckt zu"

Seit 50 Jahren massiert Reinhardt die Waden in Schwarz-Rot. Ohne Unterbrechung. Das dürfte bundesweit ziemlich einmalig sein. Mit dem Köfferchen in der Hand auf der Bank sitzend hat der Bergmannspensionär, den in Erkenschwick alle nur „Paco“ nennen, die großen Zeiten im Stadion am Stimberg erlebt. Damals, als der Klub in der 2. Bundesliga Nord kickte. Aber auch die ganz dunklen. Spieler, Trainer und Funktionäre kamen und gingen, aber Reinhardt blieb.

Früher knetete er die Profis des Zweitligisten, heute die Amateure in der Oberliga Westfalen . Im Verein selbst ist er sogar noch viel länger. Sein Spielerpass zeigt als Eintrittsdatum das Jahr 1950. Nachdem Reinhardt seine eigene Karriere - natürlich hat er nie woanders gespielt als bei der Spvgg Erkenschwick - im Alter von 28 Jahren nach einer schweren Verletzung aufgeben musste und zum Sportinvaliden erklärt wurde, sattelte er um. Auf der örtlichen Zeche Ewald Fortsetzung ohnehin als Heilgehilfe im Sanitätsbetrieb beschäftigt, kümmerte er sich fortan in seiner Freizeit um die Fitness der Erkenschwicker Fußballer.

Und blieb seinem Verein bis in die Insolvenz treu. Denn im Jahr 2008 sah es vorübergehend so aus, als sollte der Verein sein großes Jubiläum nicht mehr erleben. In Erkenschwick gingen beinahe die Lichter aus, der Verein in der krisengeschüttelten Region konnte seine Rechnungen nicht mehr bezahlen. Die Zeche war da schon lange dicht. Aber es war es die alte Verbundenheit der Bergleute, die den Verein noch einmal Mal rettete. Der große Nachbar FC Schalke 04, die Knappen, traten zum Benefizspiel an und spülten wieder etwas Geld in die klamme Kasse. Das Insolvenzverfahren wurde überstanden. Es ging weiter.

Seit einigen Jahren spielt der Verein fünftklassig in der Oberliga Westfalen eine gute Rolle und meistens um den Aufstieg mit. Der war allerdings bislang verboten – für die Regionalliga fehlte wieder einmal die Kohle. Sinnbildlich für den Klub, der 1969 sogar im Endspiel um die Deutsche Amateurmeisterschaft (1:2 gegen den SC Jülich) stand. Erst vor dieser Saison hat der Vorstand grünes Licht für einen möglichen Ligasprung gegeben, aber letztlich wegen erneuter finanzieller Rückschläge wieder davon Abstand nehmen müssen. In der kommenden Saison soll ein neuer Anlauf genommen werden. „Das Geld hat hier immer eine große Rolle gespielt“, nickt Reinhardt. „Der Bergbau ist weg und die Leute kommen nicht mehr.“

Früher hatte die Spvgg 6.000 Zuschauer im Schnitt, heute verlaufen sich manchmal nicht mehr als 300 Zuschauer im riesigen und immer noch top gepflegten Rund. „Das macht mich schon traurig“, meint Reinhardt. „Die Jungs spielen guten Fußball und kaum einer guckt zu.“

Aber es sind immer noch mehr, als bei anderen Vereinen aus der ehemals ruhmreichen Oberliga West der Nachkriegszeit, die inzwischen ganz in der Versenkung verschwunden sind. Denn wer an die Spvgg Erkenschwick denkt, der denkt an den Himmelstürmer Jule Ludorf, der Ende der 1940er Jahre die Oberliga West aufmischte. Ihm trug Reinhardt als Bengel stolz die Tasche. Oder an Horst Szymaniak, der es aus dem damals wirklich noch rußgeschwärzten Ruhrpott bis nach Italien zu Inter Mailand schaffte, und dessen Nachfolger Reinhardt als Rechtsaußen wurde. „Wir hatten Meisterschaftsspiele gegen Schalke, den BVB, den VfL Bochum“, zählt er auf. „Besonders die Dortmunder waren so kleinlaut, wenn die hierhin kamen, die hatten ja auch kein Geld damals.“

Vielleicht denkt man auch noch an den Filmproduzenten Sönke Wortmann (“Das Wunder von Bern“), der den Erkenschwickern 1980 mit seinem Treffer zum 1:0 im entscheidenden Spiel gegen den Bünder SV letztmalig den Aufstieg in der 2. Bundeliga Nord ebnete. Lange her. Danach begann das große Zechensterben im Revier und der langsame Abstieg vieler Kohle-Klubs. „Der Bergbau hat hier alles bestimmt“, erklärt Reinhardt. „Die Kumpel, die kicken konnten, wurden schon in der Grube angesprochen, ob sie nicht für den Verein spielen wollen und wurden auch entsprechend geschont.“ Die Besten wechselten über Tage. „Die haben dann meistens in der Werksfeuerwehr gearbeitet oder wie ich im Gesundheitsbereich, damit sie am Wochenende fit waren.“

Zweimal schaffte der Verein die Qualifikation für die 2. Bundesliga Nord. Mitte der 1970er Jahre wurde der Stadion auf eine Kapazität von 24.000 Zuschauern ausgebaut, die Stahlkonstruktion für eine Flutlichtanlage als Versprechen auf eine goldene Zukunft war schon bestellt. Das Flutlicht leuchtet längst 40 Kilometer weiter in der Wattenscheider Lohrheide. Die Betonstummel aber stehen noch immer als stummer Zeitzeuge am Stimberg.

Seit 1992 wird in Erkenschwick keine Kohle mehr abgebaut. Vieles hat sich seitdem geändert, Reinhardt aber ist geblieben. „Ich bin der letzte Mohikaner hier“, lacht er. „Ich habe keine Ambitionen gehabt, woanders hinzugehen. Einmal „Schwicker“, immer „Schwicker““ sagt er. „Die Spvgg ist mein Verein.“ Es sei eine Geschenk, in seinem Alter mit jungen Leuten zusammenzuarbeiten. Weit mehr als 40 Trainer habe er in seinem fünf Jahrzehnten in Erkenschwick kommen und gehen sehen. „Manche auch mehrmals“, schmunzelt der Rentner. „Es waren immer andere Typen, das hat mich immer wieder angetrieben. Sollte ich mich wie meine ehemaligen Kollegen aus dem Bergbau mit 55 Jahren an die Trinkhalle stellen oder ins Kaffee setzen und ewig von den alten Zeiten reden? Nein, ich habe meinen Sport und der hält mich jung.“

Ein Blick zurück aber ist erlaubt. Es war der 3. Februar 1967, als der FC Bayern München im Achtelfinale des DFB-Pokals seine Visitenkarte im Vest abgab. Vor der Partie hatte Nationaltorwart Sepp Maier noch gewitzelt, er wisse gar nicht, wo dieses Erkenschwick überhaupt liegt. „Das hatte sich nach dem Spiel geändert“, erklärt Reinhardt stolz. Und das lag nicht nur daran, dass ihm drei findige Erkenschwicker Verkäuferinnen nach der Auslosung Infomaterial nach München schickten. Natürlich hatte auch Reinhardt seinen Anteil. Zwar gewannen die Münchener durch zwei Treffer von Gerd Müller und Rainer Ohlhauser mit 3:1. Bis zur 68. Minute hatte es beim Stand von 1:1 jedoch nach einer Sensation ausgesehen.

„Das Stadion war so voll, dass die Leute hinter dem Tor bis zur Höhe des Fünf–Meter-Raumes standen“, erinnert sich Reinhardt, der sich inzwischen zum Physiotherapeuten weitergebildet hat. „Damals durften wir uns noch hinter dem Tor aufhalten. Ich habe mich hinter Sepp Maier platziert und man konnte da natürlich auch schon mal etwas hineinrufen.“ So habe er versucht, den Nationalkeeper abzulenken. Fast hätte es auch funktioniert. Als Trost gab es anschließend im Vereinslokal ein gemeinsames Essen mit den Bayern und die ein oder andere Gelegenheit zum Austausch mit Maier oder Gerd Müller.

Schöne Erinnerungen. Nach dieser Saison will er das Verbandsmaterial wahrscheinlich für immer aus der Hand legen. Den nach wie vor ist Reinhardt mindestens viermal in der Woche auf dem Platz in seiner vielleicht sechs Quadratmeter großen Kabine anzutreffen. Dazu kommen die Spiele. Ein strammes Programm für einen fast 80-Jährigen. „Ich bin zwar noch fit, aber irgendwann muss Schluss sein“, hat er sich vorgenommen. Leicht wird die Entscheidung nicht. „50 Jahre auf der Bank. Das geht nicht einfach so an einem vorbei. Wehmut , Stolz. Wie gern würde ich das Rad der Zeit noch einmal zurückdrehen“, blickt er zurück. „Paco“ packt ein. Und die Spvgg Erkenschwick wird ohne ihn nicht mehr dieselbe sein.

Weitere Folgen der Serie:

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Folge 81: Esad Kahric: Der Thomas Schaaf der Bayernliga

Folge 80: Globetrotter Schick: Fußball in der Favela

Folge 79: Käpt’n Muck: 777 Spiele für seine Wurzener

Folge 78: Fitter Jacob: Derwall erkannte sein Talent

Folge 77: Daniel Kübler: Der Mann, der Frauenwünsche erfüllt

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Folge 75: Julian Schiebe: Mit 21 schon Vizepräsident

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Folge 73: Knopp in Koblenz: Tag und Nacht da für die TuS

Folge 72: Benno Kischnick: Linienrichter seit 50 Jahren

Folge 71: Der blinde Pressesprecher: Manuel Beck beeindruckt!

Folge 70: Ilse Kuck (81): Die Kassiererin der Herzen